AIDA-Kreuzfahrten: Langsame Routen und teure Bordangebote als Geschäftsmodell
Kreuzfahrten versprechen Erholung, Abenteuer und exklusive Erlebnisse. Doch viele Reisende übersehen die bewusst eingeplanten und häufig verlängerten Seetage, die laut ehemaligen Mitarbeitern von AIDA Cruises sowohl ökonomische als auch praktische Ziele verfolgen. In der ZDF-Dokumentation „Die Insider“ werden diese Strategien detailliert offengelegt.
Seetage als kalkulierter Gewinnfaktor
Urlauber verbringen scheinbar endlose Stunden auf dem Schiff, während die Reedereien sie vom Landgang ausschließen und dabei erheblich profitieren. Daniel, der fünf Jahre auf AIDA-Schiffen tätig war, erklärt, dass Strecken wie von Gran Canaria nach Madeira deutlich schneller zurückgelegt werden könnten. Das Unternehmen zieht es jedoch aus wirtschaftlichen Gründen vor, die Schiffe gemächlich vorankommen zu lassen: Durch langsames Fahren spart es Treibstoff und senkt die Hafenliegegebühren. Gleichzeitig nutzt die Reederei die entstehende Langeweile der Gäste, um daraus wirtschaftlichen Nutzen zu ziehen.
Teure Bordangebote und steuerliche Vorteile
An Bord suchen die Passagiere aktiv nach Unterhaltung, sei es im kostenpflichtigen Spa-Bereich, an den Bars oder in den Shops. Die Reederei animiert sie mit limitierten Sonderangeboten zum Kauf – beispielsweise durch „Happy Hour“-Angebote oder zeitlich begrenzte Rabatte. Auch steuerliche Vorteile locken die Gäste: Auf offener See verwandeln sich die Geschäfte in Duty-free-Shops. Eine wahre Goldgrube sind zudem die uneingeschränkten Glücksspiele, die viele Passagiere anziehen.
Engpässe in Restaurants und beim Sonnenbaden
An Tagen mit besonders hoher Passagierzahl, teilweise bis zu 5000 Menschen, verschärfen sich die Engpässe in den beliebten Bereichen. Die Gäste buchen die À-la-carte-Restaurants oft nicht schnell genug, sodass viele von ihnen auf das Buffetangebot ausweichen müssen. Insiderin Ina erklärt in der ZDF-Doku, dass viele Erstfahrer oft nicht daran denken, ihre Plätze in diesen Restaurants bereits am ersten Reisetag zu reservieren. Wer das nicht rechtzeitig macht, riskiert Enttäuschungen.
Trotzdem muss niemand auf dem Kreuzfahrtschiff verhungern, wie eine Umfrage unter 1000 Kreuzfahrturlaubern zeigt. Die Passagiere nehmen im Schnitt 5000 Kalorien pro Tag zu sich, was schnell ihr Gewicht um zwei bis drei Kilogramm erhöhen kann. Besonders beliebt ist Fisch, doch Insider Daniel erklärt, dass AIDA Cruises den vermeintlich frischen Fisch oft nicht in der erwarteten Frische liefert. Aus logistischen und wirtschaftlichen Gründen kauft das Unternehmen die Nahrungsmittel zentral ein und verteilt sie anschließend von Hamburg aus weltweit per Containerschiff, was bis zu 14 Tage dauern kann.
Der Kampf um die besten Liegen
Auch das Sonnendeck kann an solchen Seetagen zum Schauplatz von Konflikten werden. Frühmorgens reservieren Urlauber ihre Liegen mit Handtüchern, sehr zum Unmut derer, die später kommen. Hier greift das eingeführte Konzept der „Liegeengel“. Diese besonderen Mitarbeiter entfernen Handtücher von unbenutzten Liegen, um eine gerechtere Verteilung zu ermöglichen. Ganz raffinierte Urlauber haben das System aber durchschaut und lassen persönliche Dinge wie eine Sonnenbrille, ein Buch oder eine Zeitung auf der Liege zurück. Dann dürfen die Liegen nicht geräumt werden und andere Urlauber haben das Nachsehen. Insiderin Nina sagt, dass das Sonnendeck mindestens dreimal so groß sein müsste, um allen Gästen gerecht zu werden.
Kritik an der ZDF-Dokumentation
Allerdings bewerten viele Kreuzfahrer unter den Zuschauern die ZDF-Doku mit dem lauten Untertitel „Die geheimen Strategien des Kreuzfahrt-Giganten“ als einseitig, völlig überzogen und „journalistischen Tiefpunkt“. Die Dokumentation „Die Insider“ wurde 2023 erstmals ausgestrahlt und ist aktuell in der ZDF-Mediathek verfügbar.



