Ein Kapitel endet nach 17 Jahren: Goldmarie verlässt das Schlachthofviertel
Seit 2009 prägte das Lokal Goldmarie mit seiner charakteristischen Präsenz das Münchner Schlachthofviertel in der Schmellerstraße 23. Nun schließen die Betreiberinnen Julia Schneider, Petra Mirwald und Karin Stüwe nach fast zwei Jahrzehnten ihre Türen. Der Auslauf des Pachtvertrags im Mai 2026 markiert das Ende einer Ära, die tiefgreifende Veränderungen im Viertel widerspiegelt.
„Wir sind mitgentrifiziert worden“ – Ein Prozess der Anpassung
„Wir sind mitgentrifiziert worden“, erklärt Julia Schneider pointiert. Diese Aussage fasst den transformativen Prozess zusammen, den das Lokal durchlaufen hat. Was als traditionelles Gasthaus mit Schweinsbraten für unter zehn Euro begann, entwickelte sich zu einem Bio-Restaurant mit gehobener Preislage. Heute kostet der Schweinsbraten stolze 28 Euro – in Bio-Qualität versteht sich.
Die Veränderungen waren nicht nur kulinarischer Natur. Petra Mirwald erinnert sich: „Am Anfang waren wir wesentlich mehr Gasthaus, als wir es heute sind.“ Die Nachfrage im Viertel veränderte sich, Gäste wünschten sich Stoffservietten und eine anspruchsvollere Atmosphäre. Das Publikum wurde älter und zahlungskräftiger, nur etwa 30 Prozent der Gäste kamen aus der unmittelbaren Nachbarschaft.
Wirtschaftliche Stabilität trotz Branchenherausforderungen
Interessanterweise betonen beide Betreiberinnen auf mehrfache Nachfrage, dass wirtschaftliche Probleme nicht der Grund für die Schließung seien. Trotz typischer Branchenherausforderungen wie Corona, gestiegenen Kosten und verändertem Konsumverhalten blieb das Lokal finanziell stabil. Stammgäste blieben über Jahre hinweg treu, Kinder aus der Umgebung wuchsen mit dem Lokal auf.
Der entscheidende Faktor war vielmehr der auslaufende Pachtvertrag und das nie besonders gute Verhältnis zum Eigentümer. Dass dieser kurz vor Schluss doch mit einer Verlängerungsoption kam, interessierte weder die Brauerei noch die Gastronominnen. „Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist“, findet Schneider.
Neubeginn nur wenige Gehminuten entfernt
Das Ende der Goldmarie bedeutet jedoch keineswegs das Ende des Engagements der drei Frauen im Viertel. Bereits vor drei Jahren eröffneten sie nur wenige Gehminuten entfernt das Café Mari – und hier sehen sie ganz andere Möglichkeiten.
„Das ist eine völlig andere Ecke mit ganz anderen Leuten“, erklärt Mirwald, „obwohl es dasselbe Viertel ist.“ Mit der Mari wollen die Frauen bewusst ein echtes Nachbarschaftslokal aufbauen. „Ein Ort für das Viertel zu sein, ist uns wichtig“, betont Mirwald. Diese Parallelität zeigt die komplexe Realität des Schlachthofviertels, das sich nicht einfach auf den Begriff Gentrifizierung reduzieren lässt.
Übergabe an junge Nachfolger und Viertel im Wandel
Für Liebhaber der Goldmarie gibt es eine hoffnungsvolle Nachricht: Junge Mitarbeiter der bisherigen Wirtinnen möchten das Lokal übernehmen – in seiner jetzigen Form. „Aus drei alten Damen werden dann drei junge Männer“, sagt Schneider mit einem Lachen. Die Verhandlungen mit dem Eigentümer laufen derzeit.
Die Geschichte der Goldmarie erzählt von einem Viertel im stetigen Wandel. Während an einem Ort ein Kapitel endet, beginnt nur wenige Meter weiter bereits die nächste Lokalgeschichte. Das Schlachthofviertel bleibt, wie Mirwald betont, „ein sehr buntes und gemischtes Viertel“ – nur die Akteure und ihre Konzepte verändern sich im Rhythmus der Zeit.



