Gästekarten im Osten: Warum Angebote oft an Kreis- und Ländergrenzen enden
In den Ferienregionen Harz, Erzgebirge und Thüringer Wald werben Tourismusorganisationen mit attraktiven Gästekarten, die kostenlose Bus- und Bahnfahrten sowie zahlreiche Rabatte versprechen. Doch viele dieser Angebote stoßen an administrative Grenzen – ein Problem, das Urlauber häufig verwirrt und den Komfort einschränkt.
Erfolgsmodell mit strukturellen Schwächen
Nach Einschätzung von Sven Groß, Professor für Tourismusforschung an der Hochschule Harz, sind Gästekarten zwar ein Erfolgsmodell, das über Jahre ausgebaut wurde, bilden aber oft nicht die gesamte Urlaubsregion aus Gastsicht ab. „Die wenigsten denken in Landkreisen oder Bundesländern – sie wollen einfach ‚im Harz‘ Urlaub machen“, so Groß. Deutschlandweit gebe es etwa 120 verschiedene Gästekarten, die meisten kombinierten kostenlosen Nahverkehr mit Rabatten oder freiem Eintritt.
Drei zentrale Hürden für einheitliche Lösungen
Aus wissenschaftlicher Sicht wäre es sinnvoll, Gästekarten entlang touristischer Regionen statt entlang politischer Grenzen zu schneiden. Doch Experte Groß verweist auf drei Hauptprobleme:
- Rechtliche Rahmenbedingungen: Viele Modelle sind über Kur- oder Tourismusabgaben finanziert, die in kommunalen Satzungen geregelt werden müssen.
- Finanzierungsfragen: In manchen Bundesländern war es lange unmöglich, Abgabemittel an Karten-Managementorganisationen weiterzugeben.
- Koordination zwischen Beteiligten: Verkehrsunternehmen müssen sich auf Entschädigungsmodelle und Ticketanerkennung einigen.
Je größer der Raum, desto komplizierter werden die Abstimmungen – besonders bei Beteiligung mehrerer Landkreise, Verkehrsverbünde oder Bundesländer.
Harzer Urlaubsticket: Langsame Erweiterung mit Lücken
Das 2010 eingeführte Harzer Urlaubsticket „Hatix“ zeigt typische Entwicklungsprobleme. Zunächst nur im Ostharz gültig, konnte es 2020 auf niedersächsische Landkreise erweitert werden. Seit Jahresbeginn gilt es nun auch in zahlreichen Regionalzügen. Doch der Thüringer Teil des Südharzes bleibt bis heute ausgenommen. Steffi Rienäcker, Vorstand der verantwortlichen Harz AG, betont: „Das Ticket soll ständig erweitert werden.“ Gespräche laufen etwa im Ostharz, um Busverbindungen mit Regionalbahnen kombinierbar zu machen.
Vorbilder aus Westdeutschland
Groß nennt zwei positive Beispiele: Die „Konus-Karte“ im Schwarzwald, die bereits vor zwanzig Jahren über viele Gemeinden hinweg eine einheitliche Gästekarte mit freier ÖPNV-Nutzung etablierte, und die Saarland Card als einziges wirklich landesbezogenes Modell. „Man braucht eine starke Destination als Dachmarke, klar geregelte Finanzierung und Akteure, die nicht auf jeden Cent schauen müssen“, so der Experte.
Thüringer Wald als ostdeutscher Vorreiter
Im Thüringer Wald gibt es nach Betreiberangaben das erste All-Inclusive-Angebot für Gäste in einer ostdeutschen Tourismusregion. Zusätzlich zur Thüringer Wald Card können Hotels seit Juni 2024 ein All-Inclusive-Upgrade anbieten. „So kann der gesamte Thüringer Wald im Grunde wie ein großer Freizeitpark genutzt werden“, erklärt Holger Jakob, Projektleiter bei der Thüringer Wald Service GmbH. Die Karte gilt mittlerweile flächendeckend bis ins benachbarte Oberfranken.
Bewegung im Erzgebirge
Auch im Erzgebirge wird das Gästekartensystem grundlegend überprüft und soll überholt werden. Ziel ist laut Pressesprecherin Claudia Brödner die Erweiterung des Geltungsbereichs in Bus und Bahn sowie stärkere Digitalisierung des Angebots.
Insgesamt zeigt sich: Gästekarten können zwar helfen, das Auto stehen zu lassen und klimafreundlichere Ausflüge zu organisieren, doch ihre volle Wirkung entfalten sie erst, wenn sie touristische statt administrative Grenzen überwinden.



