Tourismusbranche trotzt geopolitischen Turbulenzen
Die unsichere Lage durch den Krieg im Nahen Osten hat das Sommergeschäft der Touristikbranche zwar merklich abgebremst, doch die grundsätzliche Reiselust der Deutschen bleibt ungebrochen. Stattdessen konzentriert sich die Nachfrage zunehmend auf spezifische Urlaubsregionen, die als sicherer gelten. »Die geopolitischen Entwicklungen führen zu einer spürbaren Buchungszurückhaltung, ohne die Nachfrage grundsätzlich zu schwächen«, erklärt Albin Loidl, Präsident des Deutschen Reiseverbands. Gleichzeitig sorgen steigende Kosten für zusätzlichen Druck in der gesamten Branche.
Verschiebung bei Reisezielen deutlich spürbar
Viele Reisende weichen derzeit auf alternative Destinationen aus. Ziele im östlichen Mittelmeer, die näher an der Krisenregion liegen, verzeichnen deutlich mehr Zurückhaltung bei Neubuchungen. Davon profitieren tendenziell Destinationen im westlichen Mittelmeerraum, auch wenn höhere Preise und begrenzte Kapazitäten diese Verlagerung teilweise bremsen. Besonders gefragt sind laut dem Reiseanbieter TUI hauptsächlich westeuropäische Ziele wie die Kanaren und Balearen sowie die Kapverden. Auch ausgewählte Fernreiseziele in der Karibik stoßen auf anhaltendes Interesse.
Im Gegensatz dazu entwickeln sich Destinationen am Golf sowie Teile Asiens deutlich schwächer – nicht zuletzt wegen eingeschränkter Umsteigeverbindungen. Bei Reisen in die Türkei beobachtet der Hannoveraner Konzern ebenfalls eine »starke Zurückhaltung«. Die Preise bewegen sich insgesamt auf einem moderat erhöhten Niveau, bleiben für bereits gebuchte Reisen jedoch stabil. Gestiegene Kerosinpreise beschäftigen die Branche zwar intensiv, TUI hat für den Sommer aber bereits rund 85 Prozent seines Kerosinbedarfs abgesichert.
Deutschland rückt als Reiseziel in den Fokus
Vor dem Hintergrund der geopolitischen Unsicherheit gewinnt der Inlandstourismus deutlich an Bedeutung. Nach Angaben des Deutschen Tourismusverbands planen 41 Prozent der Deutschen, die in den kommenden drei Monaten verreisen möchten, ihren Urlaub im eigenen Land zu verbringen. 15 Prozent haben sogar zwei bis drei Inlandsreisen geplant. »Damit hat Deutschland als Reiseziel wie schon bisher eine sehr hohe Relevanz«, betont Geschäftsführer Norbert Kunz. Der Deutschland-Tourismus profitiere zeitweise von der geopolitischen Sicherheitslage, wobei hohe Energie- und Spritpreise sowie gestiegene Lebenshaltungskosten die Aussichten etwas dämpfen.
Flugpreise und mögliche Stornierungen sorgen für Unsicherheit
Die geopolitische Lage wirkt sich unmittelbar auf die Kosten im Luftverkehr aus. Der Reiseverband geht davon aus, dass gestiegene Kerosinpreise auch mittelfristig zu steigenden Flugpreisen führen könnten. Lufthansa hat nach eigenen Angaben bereits Preiserhöhungen umgesetzt, verzeichnet jedoch weiterhin eine unverändert hohe Nachfrage. Das Unternehmen sieht sich durch abgesicherte Kerosinpreise besser vor Preisschwankungen geschützt, doch die Unsicherheit bleibt bestehen.
Die irische Billigfluggesellschaft Ryanair schließt angesichts hoher Kerosinpreise Flugstornierungen im Sommer nicht aus. »Wir sehen die Situation mit großer Besorgnis«, erklärt Ryanair-Manager Marcel Pouchain Meyer und bekräftigt damit die Warnung von Konzernchef Michael O'Leary. Zwar habe die Fluggesellschaft 80 Prozent des bis Ende März 2027 benötigten Treibstoffs über Hedging gesichert, doch »20 Prozent Unsicherheit sind immer noch da«. Kurzfristige Preiserhöhungen könnten notwendig werden, insbesondere da in Italien bereits an einigen Flughäfen Kerosin-Mangel herrscht.
Branchenstimmung deutlich eingetrübt
Diese Entwicklungen spiegeln sich auch in den Erwartungen der Tourismusbranche wider. Nach Angaben des Ifo-Instituts hat sich das Geschäftsklima bei Reisebüros und Veranstaltern im März deutlich verschlechtert. Der Branchenindikator fiel auf minus 41,7 Punkte, nach minus 14,8 Punkten im Februar. Die Unternehmen bewerten sowohl ihre aktuelle Lage als auch die Erwartungen für die kommenden Monate deutlich schlechter. »Die geopolitische Situation führt zu hoher Verunsicherung bei Reisenden und Reiseunternehmen«, fasst Ifo-Experte Patrick Höppner zusammen. Viele Anbieter mussten demnach bereits Umbuchungen und Stornierungen vornehmen.



