Mirapolis: Frankreichs ambitioniertes Freizeitpark-Projekt scheiterte spektakulär
Im Jahr 1987 eröffnete bei Paris ein Freizeitpark, der alles bisher Dagewesene übertreffen sollte. Mirapolis war als erster großer Themenpark Frankreichs konzipiert und sollte ein kulturelles Gegenmodell zu den später dominierenden Markenwelten wie Disney werden. Statt auf Comicfiguren oder Filmhelden setzte das ambitionierte Projekt auf französische Literatur, Sagen und nationale Fantasie. Doch der Traum währte nur kurz – bereits im Herbst 1991 musste der Park für immer schließen.
Größenwahn und kultureller Anspruch
Zur feierlichen Eröffnung am 20. Mai 1987 kam sogar der damalige Premierminister Jacques Chirac persönlich. Das Konzept klang vielversprechend: In Courdimanche bei Cergy-Pontoise entstand auf riesigem Gelände ein Themenpark, der sich bewusst von amerikanischen Vorbildern abgrenzen wollte. Alexandre Dumas statt Disney, die versunkene Stadt Ys statt Zeichentrickreich – Mirapolis wollte französische Kulturstoffe ins Zentrum stellen.
Das Wahrzeichen des Parks war die 35 Meter hohe Riesenfigur Gargantua, benannt nach der berühmten Romanfigur aus „Gargantua und Pantagruel“. Die Statue galt als höchste freistehende Europas und beherbergte in ihrem Inneren sogar ein Restaurant und ein Fahrgeschäft. Mit einem Gewicht von rund 1.000 Tonnen und einer Hand von etwa drei Tonnen verkörperte sie den gewaltigen Anspruch des gesamten Projekts.
Ambitionierte Attraktionen und Themenwelten
Besucher erlebten in Mirapolis einen Park, der sich sichtbar von anderen Anlagen seiner Zeit unterscheiden wollte. Statt reiner Thrill-Maschinerie gab es acht sorgfältig gestaltete Themenbereiche:
- „La Ville d'Ys“ – die versunkene bretonische Stadt
- „Le Château des Sortilèges“ – das Zaubererschloss
- „Les Impressionnistes“ – eine Hommage an die Malerei
- „Dame Tartine“ – der speziell für Kinder gestaltete Bereich
Zu den Highlights gehörten die unterirdische Themenfahrt „Le Voyage sous la Mer“, die Wildwasserbahn „La Descente des Rapides“ und die Mack-Achterbahn „Le Dragon des Sortilèges“. Später kam mit „Le Miralooping“ sogar eine Loopingbahn hinzu. Dazu gab es Parkbahnen, Rittershows, 4-D-Kino und einen eigenen Soundtrack auf Vinyl – für die späten 1980er Jahre eine ungewöhnlich moderne Merchandising-Idee.
Die Gründe für das spektakuläre Scheitern
Trotz aller Fantasie und Investitionen hatte Mirapolis von Anfang an fundamentale Probleme. Die Erwartungen waren unrealistisch hoch – statt der kalkulierten zwei Millionen Besucher pro Jahr blieb der Park weit darunter. In der ersten Saison kamen nur etwa 570.000 Gäste, in späteren Jahren schwankten die Zahlen zwischen 400.000 und einer Million.
Hinzu kamen handfeste Fehler in Planung und Betrieb:
- Das Gelände war zu riesig, die Wege zu lang
- Viele technische Anlagen erwiesen sich als störanfällig
- Die Themenwelt war für viele Besucher zu komplex und schwer greifbar
- Die Betriebskosten überstiegen bei weitem die Einnahmen
Erschwerend kamen externe Faktoren hinzu: In Frankreich tobte ein Konflikt um steuerliche Vorteile für Freizeitparks gegenüber traditionellen Schaustellern, was zu Protesten und negativer Presse führte. 1989 versuchte die Parkleitung gegenzusteuern, indem sie Schausteller mit zusätzlichen Fahrgeschäften anlockte – doch genau das unterlief das ursprüngliche Versprechen eines einheitlichen Themenparks.
Die Konkurrenz überrollt das Projekt
Der vielleicht bitterste Aspekt: Mirapolis war seiner Zeit sowohl voraus als auch von ihr überrollt. Während der Park noch um Akzeptanz kämpfte, etablierten sich mit Parc Astérix und später Disneyland Paris Konkurrenten, die über bekannte Marken und eingängige Figuren verfügten. Gegen diese etablierten Erzählwelten wirkte ein Park, der auf französische Literatur und regionale Legenden setzte, plötzlich sperrig und elitär.
Im Oktober 1991 schloss Mirapolis endgültig seine Pforten, im Dezember folgte die Insolvenzmeldung. Das große französische Freizeitparkexperiment war nach nur vier Betriebsjahren Geschichte.
Das zweite Leben: Mirapolis-Attraktionen im Berliner Spreepark
Ganz verschwunden war Mirapolis damit jedoch nicht. Ein bemerkenswerter Teil des Parks fand ausgerechnet in Berlin ein zweites Leben – im Spreepark Plänterwald. Nach der deutschen Wiedervereinigung suchte der ehemalige DDR-Freizeitpark dringend neue Attraktionen, und die Auflösung von Mirapolis bot eine einzigartige Gelegenheit.
Der Transfer nach Berlin
Mehrere prägende Anlagen wurden komplett demontiert und nach Berlin transportiert. Die Vekoma-Achterbahn „Le Miralooping“ wurde im Spreepark als „Mega Looping“ wieder aufgebaut und drehte dort bis zur Parkschließung 2001 ihre Runden. „Le Dragon des Sortilèges“, die originale Mack-Achterbahn, steht bis heute als rostendes Relikt auf dem verlassenen Gelände.
Auch die Wildwasserbahn „La Descente des Rapides“ fand im Plänterwald als „Grand Canyon“ eine neue Heimat. Die Liste der transferierten Attraktionen ist für Freizeitparkfans fast schon legendär:
- Die Parkbahn „Mirapolis Express“ (allerdings nur ein Zug, andere als Ersatzteile)
- Die Tassenbahn „Quik Cup“
- Die Floßfahrt „La Rivière des Castors“
- Die Kanalfahrt „Guinguette des Impressionnistes“ als „Canale Grande“
- Die skurrile Fahrzeugattraktion „Les Tacots Chapeaux“
Sogar das Zirkuszelt aus „Le Village des Clowns“ und verschiedene Dinosaurierfiguren fanden ihren Weg nach Berlin. Kaum ein anderer geschlossener Park Europas hinterließ in einem zweiten Park ein derart sichtbares und umfangreiches Erbe.
Verfall und Mythos
In Frankreich selbst begann nach der Schließung der lange Verfall. Die meisten Gebäude wurden ab 1993 abgerissen, das Gelände verwilderte. Besonders symbolträchtig war das Ende von Gargantua: Die riesige Statue blieb zunächst stehen, wurde 1995 teilweise demontiert und schließlich gesprengt.
Gerade diese Mischung aus Größenwahn, kurzer Blüte und plötzlichem Niedergang machte Mirapolis später zu einer Ikone der Urbex-Szene. Verlassene Reste, überwucherte Wege und einzelne Bauwerke befeuerten über Jahre hinweg den Mythos des gescheiterten Traumparks.
Das bleibende Erbe eines gescheiterten Traums
Die anhaltende Faszination für Mirapolis liegt im Widerspruch dieses einzigartigen Projekts begründet. Es war nicht einfach nur ein gescheiterter Freizeitpark, sondern der ambitionierte Versuch, einen nationalen Kulturpark im Stil amerikanischer Unterhaltungsgiganten zu schaffen – mit französischer Literatur, riesigen Figuren und hohem technischem Anspruch.
Dass ausgerechnet der Berliner Spreepark nach der Wende zum wichtigsten Erben dieses kurzen Abenteuers wurde, verleiht der Geschichte eine besondere Ironie. Während in Frankreich ein Park unterging, fuhren seine Bahnen in Berlin weiter – und stehen dort teils noch heute als stumme Zeugen einer doppelten Freizeitparkvergangenheit.
Mirapolis existierte nur wenige Jahre, doch sein Nachhall ist bis heute erstaunlich lebendig. Der Park bleibt ein faszinierendes Kapitel europäischer Freizeitparkgeschichte – ein Monument gescheiterter Ambitionen, das gleichzeitig durch seine zweite Karriere in Berlin unerwartete Kontinuität fand.



