Rostockerin Luisa entdeckt Japans wahres Gesicht mit einer ungewöhnlichen Hostess als Reiseführerin
Hobby-Köchin Luisa Wendt aus Rostock, die seit Wochen auf einer kulinarischen Solo-Tour durch Asien unterwegs ist, hat im japanischen Kyoto eine besondere Begegnung gemacht. Die quirlige Japanerin Chie, die sich selbst als "Fisch, der niemals aufhören kann zu schwimmen" beschreibt, öffnete ihr die Türen zu einem Japan, das so in keinem Reiseführer zu finden ist. Im exklusiven Gespräch mit dem Nordkurier und Luisa erzählt die 47-Jährige von ihrem ungewöhnlichen Lebensweg und einem authentischen Japan abseits aller Touristenpfade.
Eine Frau mit vielen Talenten und einer außergewöhnlichen Geschichte
"Ich bin schon immer anders", lacht Chie, die in Kobe nahe Kyoto lebt. Mit lupenreinem Englisch und einem Aussehen, das sie kaum älter als 30 wirken lässt, ist sie Lehrerin, Köchin, Reiseleiterin, Physiotherapeutin, Tänzerin, Hostess und Mutter – alles gleichzeitig. Bereits mit 15 Jahren schickten ihre Eltern sie auf das Eliteinternat Eton in England, doch ihre rebellische Art führte zur Rückkehr. Statt zu ihren Eltern zurückzukehren, entschied sie sich für ein eigenständiges Leben.
Ihr nächstes Ziel war der Tanz: Tagsüber erlernte sie den traditionellen japanischen Tanz mit seiner strengen Eleganz, nachts zog es sie zum Hip-Hop auf die Straße. Mit 16 reiste sie sogar nach Brooklyn, um den authentischen Straßentanz zu erleben und nach Japan zu bringen. Heute arbeitet sie als Hostess und Entertainerin – eine Tätigkeit, die früher den Namen "Meiko" trug. Doch wer den Film "Die Geisha" kennt, sollte gewarnt sein: Moderne Hostessen wie Chie verkaufen keine sexuellen Dienste, sondern bereiten Menschen schöne Abende, führen sie durch Städte, tanzen und musizieren.
Von kalten Füßen zu warmer Gastfreundschaft
Kennengelernt haben sich Luisa und die japanische Powerfrau bei einem Kochkurs in Kyoto. "Die Chemie stimmte sofort", erinnert sich Luisa, und prompt lud Chie sie ein, bei ihr zu wohnen. "Ich vertraue immer meinem ersten Eindruck", erklärt die Japanerin. Für Luisa kam diese Einladung wie gerufen, denn ihre ersten Eindrücke von Japan waren weniger einladend: In einem teuren Hostel verbrachte sie eine Nacht mit fremden Füßen vor der Nase, und ihre Winterkleidung war im deutlich kälteren Kyoto nicht rechtzeitig angekommen.
Chie rettete die Situation nicht nur mit warmer Kleidung, sondern öffnete ihr auch ihr Heim und ihre Küche für intensive Einblicke in die japanische Kultur. Die beiden Frauen erkundeten gemeinsam die Region, besuchten eine Sake-Brauerei, genossen die traditionelle Badekultur in einem Onsen und kochten unzählige japanische Spezialitäten – von selbst gemachten Gyoza über Okonomiyaki bis hin zum kräftigen Sukiyaki-Eintopf.
Die Kunst des Kimono-Anziegens und wahre Freundschaft
Ein besonderes Highlight war ein Kimono-Workshop, bei dem eine professionelle Lehrerin den Frauen die komplexe Kunst des Ankleidens zeigte. "Es hat über eine Stunde gedauert, den Kimono richtig anzuziehen", berichtet Luisa. Chie erklärte die verschiedenen Arten: vom "Gaudi-Kimono" für Entertainerinnen über den klassischen Kimono der Mittelschicht bis zum leichten Sommer-Yukata.
Die wahre Geschichte Japans, so Chie, liege hinter den Sehenswürdigkeiten. Sie rät Reisenden: "Macht keine Gruppentouren, sucht euch Freunde." Als Alleinreisende könne man dies erreichen, indem man lokale Kochkurse besucht, in Bars auf Menschen zugeht und einfach mutig ist. "Menschen sind mein Schatz", sagt Chie zum Abschied. Für Luisa ist Chies Vertrauen tatsächlich ein Schatz – in einer Kultur, die oft als verschlossen gilt, hat sie eine Tür geöffnet, hinter der sie eine Freundin mit einer heißen Schüssel Miso-Suppe fand. Bereits im September wird Chie Luisa in Deutschland besuchen, was die besondere Verbindung zwischen den beiden Frauen unterstreicht.



