Im Frühjahr lohnt sich ein Blick voraus in den Herbst: Drei Wochen lang will das renommierte Usedomer Musikfestival in diesem Jahr ab dem 19. September erneut der engen Verbindung der Insel und des nordischen Nachbars Schweden nachspüren. Schwedische Musik, Literatur, Kunstgenuss sowie besondere Formate wie das Liegekonzert sind dann zu Gast auf der zweitgrößten Ostseeinsel. Drei Wochen lang, bis zum 10. Oktober, „schlagen wir den geographischen und künstlerischen Bogen vom Süden des gelb-blauen Königreiches bis in den hohen Norden“, blickt Intendant Thomas Hummel voraus.
Gleich zwei „Artists in Residence“
Dazu werden berühmte Künstler wie erfolgreiche Talente an den schönsten Flecken Usedoms ihr Können zeigen. Die Bandbreite ist so erstaunlich wie abwechselnd. Von der gerade in Schweden besonders beliebten Volks- und Chormusik über Klassik bis zu den Pop-Welthits von ABBA reichen die Offerten, zu denen Gäste aus ganz Deutschland und vielen Ländern Europas erwartet werden.
Mit dem Klarinettisten Martin Fröst und dem Vokalquartett Lemon Squeezy prägen gleich zwei „Artists in Residence“ die künstlerische Handschrift des Festivals. Und zum Auftaktkonzert am 19. September in Peenemünde ist zusammen mit dem Orchester Baltic Sea Philharmonic unter Robert Treviño die zwölfjährige Cellistin Charlotte Melkonian zu erleben. Die Usedomer Musikpreisträgerin 2026 ist eine der jüngsten Solistinnen und bereits in der Carnegie Hall, der Berliner Philharmonie und der Elbphilharmonie Hamburg aufgetreten.
Botschafter lobt Festival in höchsten Tönen
Nicht selten ist das bereits ins 34. Existenzjahr gehende Musikfest sogar ein maßgeblicher Buchungsgrund, sich nach Usedom aufzumachen. Und da ABBA-Songwriter und -musiker Benny Andersson seinen 80. Geburtstag feiert, war es auch ein Anliegen, Tribute im Programm fest zu verankern. Das gelang gleich doppelt, im Haus der Kultur von Swinemünde sowie als großformatige Revue im Heringsdorfer Kaiserbädersaal.
Bei der Vorstellung des umfänglichen Programmes lobte Anneli Strömqvist, schwedische Botschaftsrätin für kulturelle Fragen, das Event in den höchsten Tönen. Seit Gründung des Festivals und gerade in schwierigen, krisenhaften Situationen habe es sich den Ruf erarbeitet, den Dialog zu suchen und nach neuen Formen und Räumen des Miteinanders erfolgreich Ausschau zu halten. Am liebsten würde die Diplomatin drei Wochen lang ab dem 19. September auf Usedom bleiben, um möglichst alles miterleben zu können.
Ausweitung der finanziellen Unterstützung angekündigt
Genau dazu lud Thomas Heilmann, Kurdirektor der Kaiserbäder, sie denn auch herzlich ein. Und zur Freude der Verantwortlichen kündigte er ferner an, die finanzielle Unterstützung im neuen Jahr weiter zu erhöhen. Ein optimistisch stimmendes Zeichen in Zeiten, da anderenorts Kultureinrichtungen geschlossen und Förderungen zusammengestrichen werden.
In diese Kategorie des Mutmachens fällt auch der Umstand, dass schon beim Auftaktkonzert mit Rokoko-Variationen von Peter Tschaikowski ein russischer Moment aufleuchtet. Und in der Festivalreihe „Fenster zur Welt“ präsentieren die Gastgeber nach dem Senegal-Auftritt 2025 nun das Panama-Festival der rhythmischen Seele Lateinamerikas – gemeinsam mit Solisten des Baltic Sea Philharmonic. Es erklingen Volkslieder und Wiegenlieder aus Schweden und der ganzen Welt.
Annett Renneberg liest Nils Holgersson
Wem das alles noch nicht genug an Angeboten ist, der sei zur Lesung von „Die wundersame Reise des kleinen Nils Holgersson“ mit Annett Renneberg willkommen. Oder er verschafft sich eine erweiterte Perspektive auf die jährliche Auszeichnung mit dem Nobel-Preis, wozu eine Sonderausstellung einlädt.
Die Festival-Organisatoren erinnerten nicht ohne Grund an die engen Verbindungen Usedoms mit dem Nordland. Denn von 1648 bis 1720 war die Insel Teil des schwedischen Königreiches. Dr. Jan Brachmann (Dramaturg) weiß dazu mehr zu berichten: Der Sohn des Reichskanzlers residierte seinerzeit im Wasserschloss Mellenthin, und der Gutsvogt in Pudagla trieb die Steuern ein, mit denen wiederum Königin Christina nach ihrer Abdankung in Rom Auftragswerke berühmter Komponisten bezahlte.
Und Polarlichter sind vielleicht auch zu sehen
Da im Wort Festival auch das Fest steckt, wollen die Gastgeber und die kulturinteressierten Insulaner 2026 wieder mit vielen Gästen aus nah und fern eine große musikalische Party feiern. Dass dies in historisch enger Verbundenheit mit den schwedischen Nachbarn und in friedlichem Miteinander geschehen wird, macht die neue Auflage zu einer besonderen.
Der Mark Twain zugeordnete Satz, wonach Reisen der Tod für Vorurteile sei, lässt Heringsdorfs Kurdirektor launig ergänzen: „Wir haben in den Kaiserbädern und auf der ganzen Insel mehr als nur Strand und Bäderarchitektur. Denn wir haben zugleich hochkarätige Kultur und Kunst zu bieten. Und neuerdings sogar Polarlichter wie jene in Schweden.“



