Rheinmetall sticht in See: Panzerbauer übernimmt Marine-Spezialisten NVL
Der deutsche Rüstungsriese Rheinmetall, bisher vor allem bekannt für Panzer, Artillerie und Munition für das Heer, hat seine Geschäftsfelder nun deutlich erweitert. Mit dem erfolgreichen Abschluss der Übernahme des Bremer Marineunternehmens NVL (Naval Vessels Lürssen) steigt der Konzern erstmals in den Schiffbau ein.
Kartellrechtliche Freigaben erteilt
Nach monatelangen Prüfungen durch verschiedene Behörden hat Rheinmetall alle notwendigen kartellrechtlichen Freigaben erhalten und die Übernahme von der Bremer Werftengruppe Lürssen abgeschlossen. Der Kaufpreis wurde nicht öffentlich gemacht. Lürssen trennt sich damit von seiner Marinetochter und konzentriert sich künftig ausschließlich auf den Yachtbau.
NVL beschäftigt rund 2.100 Mitarbeiter und erzielte im vergangenen Jahr einen Umsatz von etwa 1,3 Milliarden Euro, wobei etwa zehn Prozent davon als Betriebsgewinn (Ebit) angepeilt waren. Im Vergleich dazu beschäftigt Rheinmetall etwa 40.000 Menschen und strebte für 2025 einen Umsatz von deutlich über 12 Milliarden Euro an.
Vier Werften wechseln den Besitzer
Mit der Übernahme gehen vier Werften in den Besitz von Rheinmetall über: Neben dem Verwaltungssitz in Bremen gehören eine Werft in Wilhelmshaven (Niedersachsen), zwei Werften in Hamburg und eine in Wolgast (Mecklenburg-Vorpommern) zum Portfolio. NVL baut Schiffe für die deutsche Marine und ausländische Marinen sowie für Behörden. Das Produktspektrum umfasst Fregatten, Korvetten, Patrouillenboote, Versorgungsschiffe und Minenräumer.
Ambitionierte Wachstumspläne
Rheinmetall plant für seine neue Marinesparte eine jährliche Umsatzsteigerung von etwa 30 Prozent. Bis zum Jahr 2030 könnte der Umsatz im Marinegeschäft auf rund fünf Milliarden Euro anwachsen. Davon sollen schätzungsweise drei Milliarden Euro aus Deutschland und zwei Milliarden Euro aus dem Ausland stammen, mit Fokus auf Länder wie Italien, Griechenland und die Türkei.
„Rheinmetall wird künftig zu Lande, zu Wasser, in der Luft und im Weltraum ein relevanter Akteur sein und entwickelt sich damit zum domänenübergreifenden Systemhaus“, erklärte Firmenchef Armin Papperger. Es entstehe „ein leistungsfähiger Komplettanbieter für hochmoderne Überwasserschiffe“.
Internationale Expansionsmöglichkeiten
Der Konzern sieht auch in den USA gute Geschäftschancen, da dort nach eigener Einschätzung nicht genügend Werftkapazitäten vorhanden sind. Weitere Zielmärkte sind Indonesien, Singapur und Neuseeland, die ebenfalls Schiffe aus Deutschland beziehen könnten.
Günstige Rahmenbedingungen für Rüstungsgeschäfte
Die angespannte weltpolitische Lage und die Entschlossenheit der Nato sowie anderer Staaten, mehr Geld in ihre Militärausgaben zu investieren, schaffen ideale Wachstumsbedingungen. Deutschland wird in den kommenden Jahren voraussichtlich Milliardenbeträge in Heer, Luftwaffe und Marine investieren. Die Ausgaben sind weitgehend von der Schuldenbremse ausgenommen, was finanzielle Spielräume eröffnet.
Strategischer Vorteil gegenüber Wettbewerbern
Rheinmetall bewertet die Übernahme als strategisch klugen Schritt. Konzernchef Armin Papperger verwies in Gesprächen mit Analysten darauf, dass Wettbewerber wie TKMS aus Kiel, BAE Maritime aus Großbritannien, Financtiere aus Italien, Naval Group aus Frankreich und Damen Naval aus den Niederlanden weniger profitabel wirtschafteten. Die Gelegenheit sei einzigartig gewesen.
Ein Branchenkenner, der anonym bleiben möchte, sieht die Thyssenkrupp-Tochter TKMS als Verlierer der Transaktion. In der Vergangenheit habe es mehrfach Versuche gegeben, eine enge Zusammenarbeit zwischen Lürssen und TKMS zu etablieren. „Eine Werftenkonsolidierung in Deutschland lag in der Luft – und nun greift ausgerechnet Rheinmetall zu, das bislang gar keine eigene Werft hatte“, so der Experte.
Für Rheinmetall bringe der Zukauf den Vorteil, dass das Unternehmen künftig nicht mehr nur als Zulieferer von Waffensystemen und Elektronik auftreten könne, sondern komplette Schiffe anbieten könne. Die eigene Schiffskompetenz erleichtere zudem die Entwicklung von Waffensystemen für den Einsatz auf hoher See.



