Das Ende einer Ära in Schwerin: Der "Wäschetraum" schließt nach 33 Jahren
In der Schweriner Schmiedestraße herrscht reger Betrieb, doch bald wird es still. Andrea und Mario Tempel schließen nach 33 Jahren ihr Fachgeschäft "Wäschetraum". Es markiert das Ende eines Arbeitslebens und eines besonderen Ortes, der weit über den reinen Warenverkauf hinausging.
Ein Ort des Vertrauens und der persönlichen Beratung
Um kurz nach zehn Uhr ist der kleine Laden bereits gut gefüllt. Drei Frauen stehen zwischen den Ständern, halten Nachthemden, Badeanzüge und BHs in den Händen. Eine verschwindet in der Umkleide, eine andere prüft ein buntes Teil, während eine dritte geduldig wartet. "Heute geht es zu wie im Taubenschlag", sagt Andrea Tempel mit einem Lächeln. Der "Wäschetraum" ist ein Fachgeschäft mit zwei Umkleidekabinen und schmalen Gängen, dicht bestückt mit Stoffen in allen Farben: florale Nachthemden, bunte Bikinis, schlichte Herrenwäsche, Schlafanzüge und Bademäntel für Damen, Herren und Kinder. Es wirkt voll, aber nicht unübersichtlich – eher wie ein Raum, der über die Jahre organisch gewachsen ist.
Andrea Tempel nimmt sich Zeit für jede Kundin. Sie schaut, fragt, hört zu und greift ins Regal. "Das sehe ich sofort", sagt sie, wenn es um Größen geht – ein Satz, der nach Routine klingt, aber jahrzehntelange Erfahrung widerspiegelt. Sie hat gelernt, Größen mit einem Blick einzuschätzen, Unsicherheiten zu erkennen und Vertrauen aufzubauen. Manchmal begleitet von einem Augenzwinkern, wenn die Größe nicht den Erwartungen entspricht. Die Frauen lachen dann oft – und kommen wieder. "Der Wäschetraum – das ist meine Frau", sagt Mario Tempel, der im Hintergrund für Buchhaltung, Einkauf und Organisation zuständig ist. "Ohne sie würde dieser Laden nicht funktionieren."
Eine gemeinsame Geschichte: Vom Aufbruch bis zur Rückkehr
Seit fast 40 Jahren sind Andrea und Mario Tempel ein Paar, seit über 30 Jahren arbeiten sie Seite an Seite. "Immer auf Augenhöhe und immer an einem Strang. Das klappt bis heute", so Andrea Tempel. Ohne die Wende hätte es den "Wäschetraum" vermutlich nie gegeben. 1989 verließen die Tempels die DDR, reisten nach Ungarn und kehrten nicht zurück. Über die "grüne Grenze" gelangten sie nach Österreich – mit zwei Koffern und ihrer kleinen Tochter an der Hand. Sie ließen ein Leben zurück und begannen ein neues im Raum Hannover, kehrten aber gut drei Jahre später nach Schwerin zurück. "Hier war unsere Heimat", sagt Mario Tempel.
Er übernahm die Handelsvertretung seines Vaters für Miederwaren, während Andrea Tempel sich einen Traum erfüllte: "Ich wollte immer so gerne einen eigenen Laden". 1993 eröffnete sie im Margaretenhof ihr Geschäft, der Name "Wäschetraum" war kein Zufall. Es folgten 33 Jahre Selbstständigkeit, in denen der Einzelhandel in Schwerin sich mehrfach neu sortierte. Die Tempels zogen mit ihrem Geschäft dorthin, wo die Kundschaft war: vom Margaretenhof in den "Wurm", später ins Schlosspark-Center, dann in die Lübecker Straße und schließlich vor acht Jahren in die Schmiedestraße. "Wir sind den Kunden und die Kunden sind uns gefolgt", sagt Mario Tempel.
Mehr als nur ein Geschäft: Ein Ort der Begegnung
Viele Kundinnen kommen seit Jahrzehnten. Frauen, die als junge Kundinnen begannen und heute älter geworden mit anderen Ansprüchen, aber demselben Vertrauen vor Andrea Tempel stehen. "Die sind mit uns alt geworden". Egal an welchem Standort, der "Wäschetraum" war immer mehr als ein Geschäft – ein Ort, an dem man sich kennt und zeigt. Gerade bei Unterwäsche ist das keine Selbstverständlichkeit. "Das ist wie beim Arzt", sagt Mario Tempel lachend. "Da lässt man nicht jeden ran." Vielleicht macht genau dieses Vertrauen in die Beratung und die Art, wie Andrea Tempel ihren Kundinnen begegnet, den Unterschied.
Der Abschied naht: Gesundheitliche Gründe und kein Nachfolger
Doch der Alltag hat sich verändert. Der Aufwand ist größer geworden: mehr Bürokratie, höhere Kosten, erhöhter Druck. Sechs Tage Arbeit pro Woche sind die Regel, dazu Einkauf, Messen und Buchhaltung. Erholsamer Urlaub bleibt die Ausnahme. "Wir haben vieles verschoben", sagt Mario Tempel nachdenklich. Beide sind gesundheitlich angeschlagen. "Die Ärzte haben gesagt: Hört auf", erklären sie übereinstimmend. "Das wird nicht besser." Der Entschluss fiel nicht leicht, aber gemeinsam.
Ein Nachfolger für das Geschäft ist nicht in Sicht, der Mietvertrag läuft aus. Ende August wird Schluss sein. Bis dahin bleibt die Tür geöffnet, der Verkauf läuft weiter. Die Gespräche im Laden sind länger und persönlicher geworden, Abschied schwingt mit, auch wenn er selten ausgesprochen wird. Manche kommen bewusst vorbei, andere zufällig – und gehen mit dem Gefühl, dass hier etwas zu Ende geht. Einen Plan für den letzten Tag gibt es nicht. "Wir schließen einfach ab", sagt Andrea Tempel. "Räumen dann alles leer – und dann lege ich mich erstmal hin." Ein schlichter Satz, der alles sagt: kein großes Finale, sondern eine Tür, die sich schließt. Noch aber ist der Laden da – voll, lebendig, ein bisschen eng und voller Farbe.



