Ende einer Ära: Wiedewald Moden in Güstrow schließt nach 150 Jahren
In Güstrow geht eine jahrhundertealte Tradition zu Ende: Das Familienunternehmen Wiedewald Moden schließt zum 1. Mai nach mehr als 150 Jahren für immer seine Türen. Der letzte Verkaufstag ist der 30. April. Damit verschwindet eines der ältesten Geschäfte der Stadt, das über fünf Generationen hinweg Bestand hatte.
Von der Kaiserzeit bis heute: Eine bewegte Familiengeschichte
Gegründet wurde die Firma am 1. Mai 1875 von Kürschnermeister Julius Wiedewald als Kürschnerwerkstatt. In der Kaiserzeit startete das Unternehmen und wurde später von Hans Wiedewald übernommen. Nach dessen frühem Tod führte seine Witwe Tilli die Geschäfte weiter, gefolgt von ihrem Sohn Hans Peter Wiedewald, der eine Meisterausbildung als Kürschner absolvierte. Tochter Stefanie setzte die Tradition fort, lernte Kürschnerin und übernahm den Betrieb von ihrem Vater. Seit 2021 ist Wilfried Minich, der Ehemann von Stefanie Wiedewald, Inhaber von Wiedewald Moden.
Der Firmensitz wechselte im Laufe der Jahrzehnte mehrmals. Ursprünglich befand sich das Geschäft in den Häusern Markt 1 und 2, später zog es kurzzeitig zum Pferdemarkt 16, wo heute eine Fielmann-Filiale steht. Seit den 1920er-Jahren ist der Pferdemarkt 23 die Adresse des Unternehmens. Das Gebäude wurde damals umgebaut, um Platz für das Ladengeschäft und die Werkstatt im Keller zu schaffen. Die markanten Bogenfenster prägen bis heute das Erscheinungsbild.
Pelzhandwerk und historische Herausforderungen
Lange Zeit stand bei Wiedewald die Herstellung und der Verkauf von Pelzwaren im Mittelpunkt. „Es gab über 20 Kürschner in Güstrow. Das war ein bodenständiges Handwerk, das dafür sorgte, dass die Leute sich warm kleiden konnten“, erinnert sich Wilfried Minich. Die Firma etablierte sich schnell als zuverlässiger Produzent feinster Pelzwaren und als Hutmacher in Mecklenburg und darüber hinaus.
Die Geschichte war jedoch von großen Umwälzungen geprägt. In den 1950er-Jahren wurde das Unternehmen von der DDR-Obrigkeit enteignet, das Ladengeschäft und das Haus von der Volkseigenen Handelsorganisation übernommen. Tilli Wiedewald wehrte sich erfolgreich gegen einen Anschluss an eine Produktionsgenossenschaft und konnte die Werkstatt in eingeschränkter Form weiterführen. Bis zu zehn Mitarbeiter produzierten dort Pelzbekleidung, darunter Handschuhe, Mützen, Westen, Jacken und Mäntel aus Materialien wie Kanin, Lamm, Fuchs und Nerz.
Bemerkenswert war, dass viele Kunden Offiziere aus dem nahen sowjetischen Hospital waren, die Pelzwaren für ihre Frauen kauften. „Selbst Generäle sollen Kunden gewesen sein. Die ließen sich nicht lumpen und brachten auch diese oder jene Aufmerksamkeit als Dankeschön mit“, so Minich. Mit der Wende erhielt die Familie ihr Eigentum zurück, aber die Produktion von Kürschner-Artikeln endete. Stattdessen konzentrierte sich Wiedewald Moden auf den Handel mit Bekleidung, Pelzen und Lederartikeln.
Gründe für das Ende und Ausblick
Die Schließung hat vor allem persönliche und wirtschaftliche Gründe. „Das Alter spielt, wenn man die 60 Jahre erreicht hat, eine Rolle. Es gibt aber auch keinen, der die Firma weiterführen kann“, erklärt Wilfried Minich. Zudem habe sich der Konsum im Einzelhandel zu Ungunsten kleiner Geschäfte entwickelt, und Güstrow sei nicht mehr die einstige Einkaufsstadt der Region.
Das Haus am Pferdemarkt 23 ist bereits verkauft. Die neuen Besitzer haben Pläne für die Nutzung, möglicherweise zieht wieder ein Geschäft ein. Bis zum 30. April können Kunden letzte Sonderangebote nutzen und Gutscheine einlösen. Die Familie bedankt sich bei allen Kunden für die jahrelange Treue über Generationen hinweg.
Mit dem Abschied von Wiedewald Moden verliert Güstrow nicht nur ein Geschäft, sondern ein Stück lebendiger Geschichte, das über Kriege, politische Systeme und wirtschaftliche Veränderungen hinweg Bestand hatte.



