TÜV Süd startet globalen Expansionskurs mit neuem Vorstandschef
Der TÜV Süd, vielen Autofahrern vor allem durch die Hauptuntersuchungen von Fahrzeugen bekannt, befindet sich unter der Führung von Patrick Vollmer in einer entscheidenden Wachstumsphase. Der neu berufene Vorstandschef hat ambitionierte Pläne für den Münchner Prüfkonzern vorgestellt, die bis zum Jahr 2030 umgesetzt werden sollen.
5.000 neue Arbeitsplätze trotz zunehmender Automatisierung
Bis 2030 plant der TÜV Süd, die Zahl seiner Mitarbeiter von derzeit etwa 30.000 auf insgesamt 35.000 zu erhöhen. Dies entspricht einem Zuwachs von 5.000 neuen Arbeitsplätzen. Bemerkenswert ist, dass dieses Wachstum trotz des verstärkten Einsatzes von Künstlicher Intelligenz und Automatisierung in den Prüfprozessen erfolgen soll. Mehr als die Hälfte der neuen Stellen wird dabei im Ausland geschaffen, mit besonderem Fokus auf China und die Vereinigten Staaten.
In China, wo der TÜV Süd bereits 4.000 Beschäftigte hat, liegt der Schwerpunkt auf Produkttests. In den USA, mit aktuell 1.000 Mitarbeitern, sollen zusätzlich Inspektionsdienstleistungen ausgebaut werden. Die Expansion in diesen Märkten soll sogar stärker ausfallen als in Deutschland selbst.
Umsatzwachstum und internationale Ausrichtung
Parallel zum Personalaufbau strebt der Konzern ein jährliches Umsatzwachstum von fünf bis sieben Prozent an. Nachdem die Erlöse im Jahr 2025 bereits auf 3,7 Milliarden Euro gestiegen waren (2024: 3,43 Mrd. Euro), peilt Vorstandschef Vollmer bereits für dieses oder nächstes Jahr die Marke von vier Milliarden Euro an. "60 Prozent des künftigen Wachstums sollen im Ausland generiert werden", erklärte Vollmer in einem Interview.
Der 55-jährige Vollmer, der erst Anfang Februar 2026 vom Beratungskonzern Accenture zum TÜV Süd wechselte, ist der erste Chef in der 160-jährigen Geschichte des Unternehmens, der kein Ingenieursstudium absolviert hat. Seine Expertise liegt vielmehr in strategischer Unternehmensführung und Wachstumsplanung.
Übernahmen als Wachstumsbeschleuniger
Um das geplante Wachstum zu beschleunigen, setzt der TÜV Süd auch auf Unternehmensübernahmen. "Mit Übernahmen könne das Wachstum sogar noch beschleunigt werden", so Vollmer. Dabei seien sowohl größere Akquisitionen als auch kleinere Zukäufe denkbar. Die Unternehmensgröße sei schließlich ein wichtiger Wettbewerbsfaktor in der globalen Prüfungsbranche.
Allerdings schließt Vollmer Fusionen mit anderen großen deutschen Prüforganisationen wie TÜV Rheinland, TÜV Nord, TÜV Thüringen oder dem Rivalen Dekra derzeit aus. Es gebe keine entsprechenden Gespräche in diese Richtung.
Vielfältige Geschäftsfelder und Zukunftstechnologien
Während das Geschäft mit den obligatorischen Hauptuntersuchungen für Kraftfahrzeuge etwa 30 Prozent des Umsatzes ausmacht, hat der TÜV Süd weitere bedeutende Geschäftsfelder aufgebaut. Dazu gehört die Zertifizierung von Medizinprodukten, von MRT-Geräten bis hin zu Zahnimplantaten. "Hier sind wir Weltmarktführer", betont Vollmer stolz.
Ebenfalls wichtig ist die Zertifizierung von Managementsystemen. Für die Zukunft identifiziert der neue Chef besonders vielversprechende Märkte: "Erneuerbare Energien, autonomes Fahren, Medizintechnik und künstliche Intelligenz in Maschinen und Anlagen: Diese Märkte werden wir ausbauen".
Agilität und Automatisierung als strategische Ziele
Neben der Expansion will Vollmer den TÜV Süd auch agiler machen. Prüfprozesse sollen stärker automatisiert werden, was in einigen Bereichen sogar Prüfungen ohne physische Anwesenheit von Mitarbeitern ermöglichen könnte. Als Beispiel nennt er Aufzugsprüfungen, die in Zukunft möglicherweise vollständig remote durchgeführt werden könnten.
Diese strategische Neuausrichtung unter neuer Führung markiert einen bedeutenden Wendepunkt für den traditionsreichen Prüfkonzern. Mit der Kombination aus Personalaufbau, internationaler Expansion, gezielten Übernahmen und Fokussierung auf Zukunftstechnologien positioniert sich der TÜV Süd für die Herausforderungen und Chancen der kommenden Jahre.



