Ein erschöpftes Kutschpferd, das auf dem heißen Asphalt nahe der Brücke Ponte Cavour in Rom zusammengebrochen ist, hat eine Welle der Empörung ausgelöst. Das Tier war offenbar den hohen Temperaturen von über 30 Grad und der Belastung im Stadtverkehr nicht gewachsen. Ein Video des Vorfalls verbreitete sich rasant in sozialen Netzwerken und entfachte die seit Jahren schwelende Debatte um die traditionellen Pferdekutschen, die in Rom „Botticelle“ genannt werden, neu.
Kutschen als Touristenattraktion unter Beschuss
Die Pferdekutschen gehören in Rom zum Stadtbild wie Gondeln in Venedig. Sie bringen Touristen zu Sehenswürdigkeiten wie dem Kolosseum oder der Piazza Navona. Doch Tierschützer sehen in ihnen ein „Relikt vergangener Zeiten“ und bezeichnen den Einsatz der Tiere bei dichtem Verkehr, glühendem Asphalt und hohen Temperaturen als „anachronistisch und unwürdig“, wie die Stadträte Flavia De Gregorio und Antonio De Santis betonen. Die Zahl der Lizenzen ist in den letzten Jahren stark gesunken: Gab es vor zehn Jahren noch 38 Lizenzinhaber, sind es heute nur noch 16, so die Stadt Rom.
Reaktionen und Forderungen nach dem Vorfall
Die Tierschutzbeauftragte der Stadt, Patrizia Prestipino, reagierte umgehend auf den Hitzekollaps. Die Gemeinde prüfe nun Möglichkeiten, den Umstieg für die Kutscher attraktiver zu machen. Unter anderem wird über Sponsoren nachgedacht, die den Kauf von Fahrzeugen für einen Wechsel zum Taxibetrieb finanzieren könnten. Auch Tierschutzorganisationen hätten Hilfe bei der Suche nach Ersatzfahrzeugen signalisiert. Prestipino erneuerte den Vorschlag, die Kutschlizenzen in Genehmigungen für Elektro-Taxis umzuwandeln. Dabei gehe es nicht nur um Tierschutz, sondern auch um Verkehrssicherheit und die Einhaltung von Vorschriften.
Hitzefrei-Regelungen und Kontrollen
Bereits jetzt sind die „Botticelle“ in den Sommermonaten eingeschränkt nutzbar: Bei Temperaturen über 30 Grad gilt ein Fahrverbot, ansonsten dürfen die Kutschen nur in den frühen Morgenstunden und am Abend unterwegs sein. Tierschützer kritisieren jedoch, dass diese Regelungen nicht ausreichen. Prestipino kündigte strengere Kontrollen an: „Wenn sie nicht zustimmen, werden wir eine Polizeistreife hinter jede Kutsche stellen, um mögliche Verstöße zu kontrollieren.“
Kutscher verteidigen Tradition
Die Betreiber der „Botticelle“ weisen die Vorwürfe zurück. Niemand kümmere sich besser um die Pferde als die Kutscher selbst, erklärte der Verband der römischen Kutschenbesitzer. Sie argumentieren, dass die Tiere gut versorgt würden und die Tradition erhalten bleiben müsse.
Vergleich mit Wien und wissenschaftliche Studien
Parallel zur Debatte in Rom spitzt sich auch in Wien die Diskussion um die Fiakerpferde zu. Während in Rom die Hitzegrenze bei 30 Grad liegt, gilt in Wien noch ein Grenzwert von 35 Grad. Die Stadt reagiert nun mit einem wissenschaftlichen Ansatz: Pferde werden umfassend untersucht – mit Sensoren, Blutwerten und Verhaltensanalysen. Laut einer Studie aus Kanada aus dem Jahr 2010 überhitzen Pferde bis zu zehnmal schneller als Menschen und sind deutlich anfälliger für Hitzestress.
Ausblick: Ende einer Tradition?
Ob der aktuelle Vorfall zu einem endgültigen Ende der Pferdekutschen in Rom führt, ist offen. Ein Angebot aus dem Jahr 2009, auf Taxi-Lizenzen umzusteigen, wurde nur von wenigen Kutschern angenommen. Doch der erneute öffentliche Druck könnte nach Ansicht von Kritikern das Ende einer jahrhundertealten Tradition einleiten.



