Ein Streit um Drag-Queen-Lesungen und queere Kinderbücher erschüttert die Berliner Stadtbibliothek Steglitz. Die Kulturstadträtin des Bezirks, Cerstin-Urike Rattke (CDU), griff nach Informationen der Berliner Zeitung in die Öffentlichkeitsarbeit der Bibliothek ein. Sie untersagte die Bewerbung von Veranstaltungen mit Drag Queens und die Auslage eines Buchs mit dem Titel „Queere Tiere“. Der Vorwurf der Opposition und von Bibliotheksmitarbeitern lautet: „Selbstzensur“.
Verbotene Werbung für Drag-Lesungen
Die Ingeborg-Drewitz-Bibliothek in Steglitz hatte für den Sommer 2026 mehrere Lesungen mit Drag Queens geplant. Diese sollten Kindern und Familien einen spielerischen Zugang zu Themen wie Diversität und Toleranz bieten. Ein entsprechender Flyer wurde von der Bibliotheksleitung erstellt und sollte verteilt werden. Doch Kulturstadträtin Rattke, die für die Kommunikation zuständig ist, stoppte die Aktion. Laut internen Quellen argumentierte sie, dass die Werbung „zu politisch“ sei und nicht dem neutralen Bildungsauftrag der Bibliothek entspreche. Ein Bibliotheksmitarbeiter, der anonym bleiben möchte, sagte: „Es ist ein klarer Fall von Zensur. Wir dürfen nicht mehr frei über unsere Programme informieren.“
„Queere Tiere“ aus dem Regal genommen
Parallel dazu wurde das Kinderbuch „Queere Tiere“ aus der Auslage entfernt. Das Buch, das auf kindgerechte Weise verschiedene Sexualitäten und Geschlechtsidentitäten im Tierreich erklärt, war zuvor von der Bibliothek als „besonders empfehlenswert“ beworben worden. Nach einem Hinweis der Kulturstadträtin wurde es jedoch aus dem Schaufenster genommen und in den normalen Bestand verschoben. Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Steglitz-Zehlendorf diskutierte den Vorfall in ihrer jüngsten Sitzung. Die Fraktion der Grünen kritisierte das Vorgehen scharf. „Hier wird aus ideologischen Gründen in die pädagogische Arbeit eingegriffen“, so die grüne Bildungsexpertin Clara von der Osten. Sie fordert eine transparente Richtlinie für die Bibliotheksarbeit.
Kulturstadträtin verteidigt Entscheidung
Cerstin-Urike Rattke weist die Vorwürfe zurück. Gegenüber der Berliner Zeitung erklärte sie: „Es geht nicht um Zensur, sondern um eine ausgewogene und altersgerechte Darstellung. Die Bibliothek ist ein Ort der Bildung und nicht der politischen Agitation.“ Sie betonte, dass Drag-Lesungen grundsätzlich möglich seien, aber nicht mit öffentlichen Mitteln beworben werden sollten. Die Opposition sieht darin eine Einschränkung der Meinungsfreiheit. Der AfD-Bezirksverordnete Frank Schwerin hingegen begrüßte die Entscheidung: „Es ist richtig, dass Kinder vor solchen Inhalten geschützt werden. Die Bibliothek sollte sich auf klassische Literatur konzentrieren.“
Auswirkungen auf die Bibliotheksarbeit
Der Streit hat weitreichende Folgen. Mehrere Mitarbeiter der Bibliothek haben sich krank gemeldet, aus Protest gegen die Einmischung der Politik. Die Bibliotheksleitung steht unter Druck: Einerseits soll sie den Anweisungen der Kulturstadträtin folgen, andererseits wollen viele Mitarbeiter an den geplanten Veranstaltungen festhalten. Die BVV hat eine Sondersitzung zum Thema angesetzt. Experten für Bibliothekswesen warnen vor einem politischen Kahlschlag. „Bibliotheken müssen Räume der freien Meinungsäußerung bleiben“, sagt Prof. Dr. Martina Fischer von der Humboldt-Universität. „Wenn die Politik entscheidet, was gezeigt und beworben wird, untergräbt das die Glaubwürdigkeit der Institution.“
Reaktionen aus der Zivilgesellschaft
Der Fall hat über Berlin hinaus Wellen geschlagen. Der Deutsche Bibliotheksverband (DBV) veröffentlichte eine Stellungnahme, in der er die Entscheidung der Kulturstadträtin als „problematisch“ bezeichnet. Der Verein „Queerulant*in“ kündigte eine Demonstration vor der Bibliothek an. „Wir lassen nicht zu, dass queere Inhalte aus dem öffentlichen Raum verdrängt werden“, so Sprecherin Lena Nowak. Derweil bereitet die Bibliothek eine alternative Veranstaltungsreihe vor, die ohne offizielle Werbung auskommen soll – aus Angst vor weiteren Eingriffen.
Hintergrund: Kulturkampf in Berlin
Der Streit in Steglitz ist Teil eines größeren Kulturkampfes in Berlin. In mehreren Bezirken gibt es Auseinandersetzungen um queere Bildungsangebote, Drag-Lesungen und die Darstellung von Diversität in öffentlichen Einrichtungen. Während die rot-grün-rote Landesregierung solche Angebote fördert, bremsen konservative Bezirksstadträte sie aus. Die Bildungsverwaltung des Senats prüft derzeit, ob das Vorgehen in Steglitz rechtlich zulässig ist. Ein Sprecher der Senatsbildungsverwaltung sagte: „Wir werden den Fall genau analysieren und gegebenenfalls Maßnahmen ergreifen, um die Neutralität und Offenheit der Bibliotheken zu gewährleisten.“



