Die Qual der Wahl nach dem Abitur
Die Prüfungen sind geschrieben, die Zeugnisse verteilt – der Abiturjahrgang 2026 steht vor der nächsten großen Herausforderung: der Entscheidung über den weiteren Lebensweg. Ob Studium, Ausbildung, Freiwilligendienst oder Reise – die Optionen sind vielfältig und können überfordern. Sechs junge Berliner, die diesen Schritt bereits hinter sich haben, geben Einblicke in ihre persönlichen Entscheidungsprozesse und zeigen, dass es keinen perfekten Weg gibt.
Von Unsicherheit zur Klarheit
Die 19-jährige Marie aus Berlin-Mitte haderte lange mit der Wahl zwischen einem Psychologiestudium und einer Ausbildung zur Erzieherin. „Ich hatte Angst, die falsche Entscheidung zu treffen und Zeit zu verlieren“, erzählt sie. Letztlich entschied sie sich für ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Kita. „Das hat mir gezeigt, dass ich mit Kindern arbeiten möchte – aber eher in der Therapie als in der Erziehung.“ Heute studiert sie im zweiten Semester Psychologie und ist sich sicher: „Die vermeintliche ‚falsche‘ Entscheidung war eigentlich genau richtig, um Klarheit zu gewinnen.“
Praktische Erfahrung vor Theorie
Der 20-jährige Lukas aus Berlin-Neukölln hingegen begann direkt nach dem Abitur eine Ausbildung zum IT-Fachinformatiker. „Mir war klar, dass ich nicht noch drei Jahre in der Uni sitzen will. Ich wollte praktisch arbeiten und Geld verdienen“, sagt er. Nach zwei Jahren bereut er seine Wahl nicht: „Ich habe schon jetzt eine Festanstellung in Aussicht und kann mich später immer noch spezialisieren – vielleicht mit einem berufsbegleitenden Studium.“ Er betont, dass der Druck, sofort den perfekten Lebenslauf zu haben, oft von außen komme.
Reisen als Orientierungshilfe
Andere nutzen die Zeit nach dem Abi für Reisen. Die 21-jährige Sofia aus Berlin-Pankow verbrachte ein Jahr in Südamerika. „Ich wollte einfach raus aus dem System, bevor ich mich wieder in eine neue Struktur zwänge“, erklärt sie. Die Erfahrung half ihr, ihre Interessen zu sortieren: Nach ihrer Rückkehr begann sie ein Studium der Internationalen Beziehungen. „Ohne die Reise hätte ich mich wahrscheinlich für BWL eingeschrieben – nur weil es sicher schien.“
Die Rolle der Eltern und des Umfelds
Die Entscheidungsfindung wird oft durch Erwartungen von Eltern und Freunden erschwert. Der 22-jährige Felix aus Berlin-Charlottenburg berichtet: „Meine Eltern wollten unbedingt, dass ich studiere. Aber nach einem Semester Maschinenbau wusste ich, dass das nichts für mich ist.“ Er brach ab und machte eine Ausbildung zum Tischler. „Heute bin ich glücklich, auch wenn meine Eltern anfangs enttäuscht waren. Sie sehen jetzt, dass ich meinen Weg gefunden habe.“
Studium ohne klassischen Abschluss
Nicht jeder, der studiert, macht auch einen Abschluss. Die 23-jährige Lena aus Berlin-Friedrichshain wechselte nach drei Semestern von Germanistik zu Soziologie und dann zu Kunstgeschichte. „Ich habe viele Kurse belegt, aber nie einen Abschluss gemacht. Stattdessen habe ich mich selbstständig gemacht und arbeite jetzt als freie Grafikerin“, sagt sie. „Das Studium hat mir beigebracht, wie ich lerne und recherchiere – das nutze ich täglich.“
Kein Patentrezept, aber Mut zur Lücke
Alle sechs Berliner sind sich einig: Es gibt keine universelle Richtigkeit. Wichtig sei, sich nicht von der Angst vor Fehlentscheidungen lähmen zu lassen. „Man kann immer umkehren oder einen neuen Weg einschlagen“, fasst Marie zusammen. „Das Leben ist kein Sprint, sondern ein Marathon mit vielen Abzweigungen.“ Laut einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2025 bereuen rund 30 Prozent der Studienanfänger ihre Fächerwahl – doch die meisten korrigieren ihre Entscheidung im Laufe des Studiums oder danach.



