Karsten Loest, ein ehemaliger Beamter des Spezialeinsatzkommandos (SEK) Berlin, hat die lebensgefährlichen Momente während der Geiselnahme durch den berüchtigten „Skorpion“ Dieter Wurm im April 2003 geschildert. Der 57-Jährige war damals Teil des Teams, das den entführten BVG-Bus in Schöneberg stürmte und die Geiseln befreite. „Uns war damals gar nicht bewusst, wie lebensgefährlich das für uns war“, sagte Loest im Interview für die True-Crime-Serie „Das dunkle Berlin“ der Berliner Morgenpost. Die Schutzausrüstung der SEK-Beamten sei vor zwanzig Jahren nicht annähernd so gut gewesen wie heute. „Wurm hätte uns leicht erspähen und auf uns schießen können.“
Die Vorgeschichte: Ein Banküberfall eskaliert
Am 11. April 2003 überfiel Dieter Wurm, damals 46 Jahre alt, gemeinsam mit einem bis heute unbekannten Komplizen die Commerzbank-Filiale in der Steglitzer Schloßstraße. Der als „Skorpion“ bekannte Wiederholungstäter hatte bereits 17 Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht, unter anderem wegen Sprengstoffdelikten, räuberischer Erpressung und Bankraub. Seinen Spitznamen verdankt er einer selbst gestochenen Tätowierung auf dem Unterarm aus dem Jahr 1979. Bei dem Überfall erbeuteten die Täter rund 5000 Euro in Scheinen sowie etwa 1000 Euro in Hartgeld. Eine Zeugin verfolgte die Räuber jedoch und alarmierte die Polizei. Während der Komplize ungesehen in der U-Bahnstation „Rathaus Steglitz“ entkam, flüchtete Wurm zur Bushaltestelle am Steglitzer Kreisel und sprang gegen 9.45 Uhr in einen Doppeldecker der Linie 185.
Die Geiselnahme im BVG-Bus
Ein erster Streifenwagen traf fast zeitgleich ein. Ohne ihre Waffen zu ziehen, stiegen eine Polizistin und ihr Kollege in den Bus. Wurm bedrängte die Beamtin mit seiner Pistole und forderte ihre Waffe. Angesichts seiner Statur und seines Auftretens gab sie widerstandslos nach. Später sagte die Polizistin, sie habe in diesem Moment gedacht, „aus dieser Sache nicht mehr lebend rauszukommen“. Mit nunmehr zwei Waffen in seinem Besitz drohte Wurm, alle Insassen zu erschießen, sollte der Polizist nicht sofort den Bus verlassen. Der Beamte stieg mit erhobenen Händen aus, die Tür schloss sich, und der Bus rollte los. Dabei löste sich versehentlich ein Schuss, der Wurms Hosenbein durchschlug und die Geiseln aufschrecken ließ.
Die Jagd durch Berlin
Karsten Loest befand sich zufällig auf der zuständigen Dienststelle, als die Nachricht von der Geiselnahme eintraf. Er schloss sich dem angeforderten SEK-Team an und übernahm später die Koordination der Einsatzkräfte vor Ort. „Die erste halbe Stunde einer Geiselnahme ist sicher die gefährlichste“, erklärte Loest. „Es gibt viele Faktoren, die die Situation eskalieren lassen können: eine Geisel, die den Helden spielen will, ein Polizist, der glaubt, der Sache allein Herr zu werden, ein Geiselnehmer, der nach einem Überfall noch voller Adrenalin ist.“ Dennoch gewann Loest früh den Eindruck, dass Wurm ruhig, bedacht und abgeklärt vorging. Gemeinsam mit seinen Kollegen verfolgte er den gekaperten Bus in Zivilfahrzeugen im Zickzack-Kurs über den Hüttenweg auf die Avus, durch den Stau am Dreieck Funkturm und am S-Bahnhof Tiergarten vorbei bis zum Sachsendamm in Schöneberg.
Die Eskalation in Schöneberg
Während der Irrfahrt ließ Wurm den Bus immer wieder unvermittelt anhalten und ließ nach und nach einzelne Geiseln frei. Nach einer Stunde befanden sich nur noch drei Personen in seiner Gewalt: die Polizistin, der Busfahrer Mario G. und der Rundfunkjournalist Peter R. In Höhe der Sporthalle Schöneberg bremsten Zivilfahrzeuge der Polizei den Bus aus. Das Fahrzeug wurde umstellt. Ein SEK-Mann begann die Verhandlung mit Wurm, der ein Auto, einen Hubschrauber, ein Handy und eine Cola verlangte. Er drohte weiterhin mit dem Tod der Geiseln und sagte, er wolle sich lieber erschießen lassen, als erneut ins Gefängnis zu gehen. Loest bemerkte, wie der Busfahrer versuchte, aus dem Fenster zu klettern. „Ich war einer der beiden Beamten, die ihn sicher aus der Kabine gezogen haben“, erinnerte sich Loest. Wurm war außer sich vor Wut.
Die Stürmung des Busses
Nach stundenlangen Verhandlungen bemerkte Loest eine Veränderung bei seinem Kollegen, dem Verhandlungsführer. „Es bestand die ganze Zeit über die Möglichkeit, dass die Präzisionsschützen Dieter Wurm in einem geeigneten Moment gezielt ausschalten“, sagte Loest. Er habe seinen Männern gesagt, sich bereit zu halten. Als Wurm gegen 14.30 Uhr erneut das Gespräch suchte, nutzte das Team den Überraschungsmoment voll aus. Als Wurm seine beiden Pistolen kurz so hielt, dass sie nicht mehr auf die Geiseln und die Beamten gerichtet waren, zog der SEK-Schütze die Waffe und feuerte aus nächster Nähe zwei Schüsse kurz hintereinander in Wurms Schulter. Wurm wurde nach hinten gerissen. Fast zeitgleich stürmte Loest mit seinen Männern den Bus und befreite die beiden übrigen Geiseln. „Das Zusammenwirken eines ganzen Kommandos wird natürlich immer wieder in Übungen trainiert, aber ein so erfolgreiches, schlagartiges Eindringen in ein Zielobjekt habe ich nicht noch einmal erlebt“, so Loest. „Das bleibt einem für immer in Erinnerung.“
Die Folgen
Dieter Wurm wurde 2004 wegen bewaffneten Raubüberfalls zu elf Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Den Rest seines Lebens wird der berüchtigte „Skorpion“ voraussichtlich hinter Gittern verbringen. Der Einsatz am 11. April 2003 war einer von etwa 1000 Einsätzen in Loests Karriere, aber einer der aufsehenerregendsten. Insgesamt waren rund 800 Polizisten knapp fünf Stunden im Einsatz. Loest hat noch alte Zeitungsausschnitte des Medien-Spektakels zu Hause, das damals in Teilen live von Fernsehen und Radio begleitet wurde. Wenn er sich heute die Bilder ansieht, die zeigen, wie nah er mit seinen Kollegen hinter dem gestoppten Bus kauerte, kann er nur den Kopf schütteln. „Uns war damals gar nicht bewusst, wie lebensgefährlich das für uns war.“



