Nordwestmecklenburg: Eltern und Kreistag lehnen Abschaffung der Förderschulen Lernen ab
Eltern und Kreistag gegen Aus für Förderschulen Lernen

Große Sorge vor falschem Kurs: Eltern und Kreistag gegen Aus für Förderschulen Lernen

In Nordwestmecklenburg formiert sich erheblicher Widerstand gegen die bildungspolitischen Pläne der Landesregierung. Das novellierte Schulgesetz Mecklenburg-Vorpommerns sieht vor, Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen organisatorisch aufzuheben und durch Lerngruppen an Regionalen Schulen sowie Gesamtschulen zu ersetzen. Diese umstrittene Maßnahme soll zwischen dem kommenden Jahr und spätestens 2030 umgesetzt werden, stößt jedoch bei betroffenen Eltern und lokalen Politikern auf massive Kritik.

Besorgte Stimmen aus der Praxis

Käte Wischeropp, Gründerin des Pflegeelternvereins in Nordwestmecklenburg und Leiterin der Selbsthilfegruppe „Leben mit FASD NWM“, äußert tiefe Bedenken gegenüber den geplanten Veränderungen. Die engagierte Pflegemutter, die für ihren unverzichtbaren Beitrag für Kinder in schwierigen Lebenssituationen kürzlich mit dem Verdienstorden des Landes ausgezeichnet wurde, betreut selbst zwei Pflegesöhne mit Fetaler Alkohol-Spektrumsstörung (FASD).

„Wir blicken dieser Veränderung mit Sorge entgegen“, erklärt Wischeropp deutlich. „Der Ansatz ist ja super, es ist leider nur so, dass in der Praxis nicht Inklusion, sondern Integration erwartet wird.“ Die gelernte Krankenschwester betont den fundamentalen Unterschied zwischen beiden Konzepten: Während Integration vom Individuum erwarte, sich in das System einzufügen, bedeute echte Inklusion, dass jeder mitmachen dürfe und Spaß dabei habe.

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Für neurodivergente Kinder – sei es mit FASD, Autismus, schwerer Lese-Rechtschreib-Schwäche oder Hochbegabung – sei eine einfache Eingliederung in reguläre Schulstrukturen oft unmöglich. „Sie können sich nicht in das System einbinden, weil es anders funktioniert“, so Wischeropp. Statt des aktuellen Prinzips „Wait to fail“ – also dem Warten auf das Scheitern des Kindes – fordert sie ein flexibles Schulsystem, das individuell auf Fähigkeiten und Bedürfnisse eingeht.

Spezifische Herausforderungen bei FASD

Die besonderen Herausforderungen von Kindern mit FASD verdeutlicht Wischeropp anhand konkreter Beispiele: „Ich kenne Kinder mit einem IQ von 140, doch die exekutive Funktion des Gehirns ist gestört.“ Das vorhandene Wissen werde demnach nicht angewendet, während abstrakte Systeme wie Zeit, Geld oder Entfernungen nicht verstanden werden könnten.

Hinzu komme eine permanente Reizüberflutung durch die Hirnschädigungen, die eine Zuordnung in wichtige und unwichtige Belange unmöglich mache. Gerade deshalb seien übersichtliche Schulgebäude, kleine Klassen, wenige Lehrerwechsel, klare Bezugspersonen und konsequent eingehaltene Regeln von entscheidender Bedeutung. „Und dann ist da noch die Sache mit dem Leistungsanspruch. Diese Kinder steigen aus, sobald Leistung gefragt wird“, schildert die erfahrene Pflegemutter.

Kreistag positioniert sich deutlich

Auch der Kreistag Nordwestmecklenburg positioniert sich kritisch gegenüber den Landesplänen. Marcel Lütjohann (CDU) berichtete in der Dezember-Sitzung: „In Ausschüssen hat sich herauskristallisiert, dass viele mit der Aufhebung der Förderschulen Lernen nicht einverstanden sind.“ Der Kreistag beschloss daher, die Errichtung der Lerngruppen erst 2029 und die Aufhebung der Förderschulen erst zum 31. Juli 2030 vorzunehmen – den spätmöglichsten Zeitpunkt.

Zudem beauftragte das Gremium den Landrat, in einem Schreiben an die Bildungsministerin das Unverständnis über die geplanten Maßnahmen auszudrücken. Konkret soll auf den Wegfall einer echten Schulwahl für Eltern hingewiesen und ein Überdenken der Entscheidung sowie der Fortbestand der Förderschulen gefordert werden.

Bildungslandschaft im Landkreis

Der Landkreis Nordwestmecklenburg verfügt derzeit als Schulträger über fünf Schulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen. Gemäß amtlicher Schulstatistik besuchen diese Einrichtungen aktuell 446 Schülerinnen und Schüler. Die geplante Umstrukturierung würde somit eine erhebliche Veränderung der etablierten Bildungsinfrastruktur bedeuten.

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Interessanterweise deutet ein internes Protokoll, das dem Nordkurier vorliegt, darauf hin, dass die kontrovers diskutierte Schließung der Förderschulen möglicherweise bis zum Jahr 2035 verschoben werden könnte. Damit scheint aufseiten der Landesregierung noch nicht das letzte Wort gesprochen zu sein.

Die Debatte um die Zukunft der Förderschulen Lernen in Mecklenburg-Vorpommern zeigt deutlich die Spannung zwischen bildungspolitischen Zielvorgaben und praktischen Umsetzungsmöglichkeiten. Während die Landesregierung auf Inklusion setzt, warnen Praktiker wie Käte Wischeropp und lokale Entscheidungsträger vor überstürzten Veränderungen, die den Bedürfnissen vulnerabler Schülergruppen nicht gerecht werden könnten.