Bildungsungerechtigkeit in Deutschland: Soziale Herkunft bestimmt früh den Schulabschluss
Soziale Herkunft bestimmt früh den Schulabschluss in Deutschland

Bildungsungerechtigkeit in Deutschland: Soziale Herkunft bestimmt früh den Schulabschluss

Chancengerechtigkeit gilt als eines der zentralen Versprechen des deutschen Bildungssystems. Die Realität sieht jedoch häufig anders aus: Bereits im Alter von sieben Jahren – also kurz nach der Einschulung – haben sich die ungleichen Bildungschancen weitgehend verfestigt. Das geht aus einer neuen Studie des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe (LIfBi) in Bamberg hervor, die erstmals umfassend analysiert, wie groß der Einfluss der sozialen Herkunft auf den gesamten Bildungsverlauf eines Menschen in Deutschland ist.

Frühe Weichenstellung im Bildungssystem

Für die Untersuchung wurden in einer Langzeitanalyse Tausende Bildungskarrieren von der Geburt bis zum Alter von 26 Jahren analysiert. Die Daten stammen aus dem Nationalen Bildungspanel. Einer der wichtigsten Befunde ist, dass sich die ungleichen Chancen bereits sehr früh in der Grundschule verfestigen. "Wir haben bereits im Alter von sieben Jahren die sozialen Ungleichheiten ausgeprägt, die wir auch am Ende der Schulzeit noch feststellen können", sagt Marcel Helbig, Professor am LIfBi und einer der Autoren der Studie.

Wichtige Faktoren sind dabei:

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  • Armut der Eltern
  • Bildungsniveau der Familie
  • Beruflicher Status der Eltern

Die Forschenden betonen, dass Deutschland sich "immer schwergetan hat, daran irgendetwas zu ändern", obwohl massive Ungleichheiten spätestens seit der ersten Pisa-Studie im Jahr 2000 bekannt sind.

Systematische Benachteiligung an Übergängen

Das Bildungssystem mit seinen zahlreichen Übergängen wird durch die Studie deutlich infrage gestellt. "Diese Scharnierstellen im Bildungssystem bilden einen besonderen Nährboden für die Verfestigung von Ungleichheiten", schreiben die Forscherinnen und Forscher. Gemeint sind die Wechsel:

  1. Von der Kita in die Grundschule
  2. Von der Grund- in die weiterführende Schule
  3. Weiter in Ausbildung oder Studium

Gleichzeitig könnten diese Übergänge Ansatzpunkte für Reformen sein – etwa durch längeres gemeinsames Lernen, das die Entscheidung über den weiteren Bildungsverlauf nach hinten verschiebt.

Ungleiche Bewertungen und Empfehlungen

Die Studie zeigt deutliche Bewertungsunterschiede:

Ungleiche Zeugnisse: Beruflicher Status und Bildungsniveau der Eltern beeinflussen massiv die Beurteilung der Kinder. "So erhalten privilegierte Kinder bei vergleichbaren Kompetenzen häufiger bessere Noten als Kinder aus Familien mit sozial niedrigem Status", heißt es in der Studie.

Ungleiche Übertrittsempfehlungen: Ähnliche Bewertungsunterschiede fanden die Forschenden bei den Empfehlungen für weiterführende Schulen. "Kinder von Eltern mit niedrigem beruflichem Status und niedrigem Bildungsniveau werden auch bei gleichen Kompetenzen und gleichen Noten seltener für das Gymnasium empfohlen".

Dramatische Unterschiede bei Schulabschlüssen

Die Auswirkungen zeigen sich besonders deutlich am Ende der Schulzeit:

  • Nur etwa ein Drittel der Jugendlichen aus niedrigen sozialen Schichten erzielt eine Studienberechtigung
  • Bei Jugendlichen aus hohen sozialen Schichten sind es mehr als drei Viertel
  • Diese Unterschiede sind nur teilweise auf Kompetenzunterschiede zurückzuführen

"Das alles widerspricht dem meritokratischen Leistungsprinzip, nach dem Bildungszertifikate auf tatsächlich erworbenen schulischen Kompetenzen basieren sollen", sagt Studien-Autor Helbig. Dies habe vor allem mit systembedingten Ungerechtigkeiten zu tun und nicht mit fehlendem individuellem Leistungswillen.

Migrationshintergrund und soziale Faktoren

Besonders betroffen sind Kinder mit familiärer Zuwanderungsgeschichte, deren Leistungswille häufig stärker ausgeprägt ist als bei Gleichaltrigen ohne Migrationshintergrund. Die schlechteren Bildungschancen beruhen demnach nicht auf kulturellen Faktoren, sondern darauf, dass zugewanderte Eltern eher einen geringen Bildungshintergrund mitbringen und häufiger in sozial schwierigen Situationen leben.

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Eine wirksamere und bessere Sozialpolitik könne daher ein weiterer Baustein für mehr Bildungsgerechtigkeit im deutschen Schulsystem sein. Ab August 2026 haben Erstklässler zwar einen gesetzlichen Anspruch auf Ganztagsbetreuung mit dem Ziel, "Bildungschancen zu eröffnen" und "Benachteiligungen auszugleichen". Doch ob die meisten Bundesländer dies tatsächlich umsetzen können, bleibt fraglich.

Die Studie macht deutlich: Will man etwas an der Bildungsungerechtigkeit ändern, muss man sehr früh in der Bildungskarriere ansetzen – am besten bereits in der Kita. Denn bereits dort beginnt die sozial begründete Auseinanderentwicklung der Kompetenzen von Kindern.