Frauen nach der Wende: Zwischen Neuanfang und Lebenskrisen in Mecklenburg-Vorpommern
Mit der politischen Wende 1989 veränderte sich in Deutschland alles grundlegend – besonders dramatisch war dieser Umbruch für die Frauen in der ehemaligen DDR. Eine aktuelle Untersuchung des Autors Klaus-Dieter Kunick beleuchtet nun detailliert, wie Frauen in Mecklenburg-Vorpommern diese Zeit zwischen Neubeginn und existenziellen Krisen erlebten. Viele von ihnen vermissen bis heute die wirtschaftliche Sicherheit der DDR, sehen sich aber dennoch nicht pauschal als Wendeverliererinnen.
Persönliche Wendegeschichten aus erster Hand
Wenn Klaus-Dieter Kunick aus seinem Buch „Der lange Weg zur Freiheit“ vorliest, präsentiert er stets authentische Biografien. „Von den 30 Personen, die ich für das Buch interviewt habe, sehen sich drei als Wendeverlierer, zwei bewerten die Wende als deutliche Verbesserung ihres Lebens und 25 haben sich den Herausforderungen gestellt und sind mit ihrem Leben zufrieden“, erläutert Kunick. Diese Lesungen, wie kürzlich in Lübtheen organisiert von Stadtbibliothekar Phillip Melzer, lösen regelmäßig intensive Debatten aus.
Die Ereignisse nach 1989 transformierten das gesellschaftliche Leben für Männer und Frauen fundamental. Frauen, die in der DDR voll berufstätig waren und ihre Kinder in gut funktionierenden Betreuungseinrichtungen wussten, sahen sich plötzlich mit völlig neuen Problemen konfrontiert. Die Angst um den Arbeitsplatz war für viele ein bisher unbekanntes Gefühl.
Arbeitslosigkeit und ihre verheerenden Folgen
Viele Männer und Frauen verloren nach der Wende ihre Stelle – mit katastrophalen Auswirkungen nicht nur auf die finanzielle Situation, sondern auch auf die psychische Gesundheit. „Eben war ich noch ein anerkannter Arbeiter, eine Woche später war ich arbeitslos und musste mir im Arbeitsamt erklären lassen, dass es meinen Beruf nicht gibt. In der DDR hatte ich dafür studiert“, berichtet eine betroffene Frau.
Besonders dramatisch waren die Konsequenzen für die Generation, die 1990 zwischen 50 und 60 Jahre alt war. Für die meisten endete das Erwerbsleben in Auffanggesellschaften des Arbeitsamtes. „Ich hatte einfach nicht die Kraft, mich noch einmal neu zu erfinden, und meinem Mann erging es ähnlich“, schildert eine ältere Leserin.
Rechtliche Veränderungen und familiäre Belastungen
Hinzu kam die komplett neue Rechtslage: Während in der DDR das Recht auf Arbeit gesetzlich garantiert war, existierte eine solche Vorschrift in der Bundesrepublik nicht. Zwar gelang es den ostdeutschen Bundesländern weitgehend, die flächendeckende Kinderbetreuung aufrechtzuerhalten, doch wo Arbeitsplätze fehlten, nützte dies den Frauen wenig.
Viele Frauen beschreiben in Kunicks Buch, wie sich ihre Männer durch Arbeitslosigkeit und gesellschaftliche Umbrüche stark veränderten. „Er begann zu trinken. Immer mehr, immer öfter. Hinzu kam seine zunehmende Aggressivität. Wir stritten viel, denn das Geld reichte aufgrund seines Alkoholkonsums hinten und vorne nicht“, heißt es in der Biografie der 59-jährigen Christine.
Strukturelle Unterstützungssysteme verschwanden
Wie ihr erging es zahlreichen anderen: Die Frustration verstärkte Alkoholismus und manchmal auch häusliche Gewalt. „Zu DDR-Zeiten ist man dann zum Brigadier gegangen und der hat dem Mann dann den Kopf zurechtgesetzt“, erinnert sich Ursula Dippold, ehemalige Leiterin des Frauenhauses Ludwigslust. Mit den gesellschaftlichen Transformationen verschwanden derartige strukturelle Interventionsmöglichkeiten.
Neuanfänge trotz aller Widrigkeiten
Trotz dieser Herausforderungen berichten gerade Frauen häufig von beeindruckenden Neuanfängen nach der Wende. Viele junge Frauen aus Ostdeutschland zogen in die alten Bundesländer, absolvierten zusätzliche Berufsausbildungen oder bildeten sich in ihrem ursprünglichen Beruf weiter. Die meisten dieser Frauen betrachten die Wende zwar als wichtigen biografischen Meilenstein, bewerten die Ereignisse aber weder pauschal positiv noch negativ.
Die Studie zeigt eindrücklich, wie unterschiedlich Frauen in Mecklenburg-Vorpommern die Transformationszeit erlebten – zwischen existenziellen Nöten und der Chance auf einen komplett neuen Lebensabschnitt.



