Wie Eltern ihren Kindern den Krieg in Israel erklären können
Die schockierenden Bilder und Nachrichten vom Terrorangriff auf Israel sind für viele Erwachsene kaum zu ertragen. Männer, Frauen, Kinder, ältere Menschen und sogar Babys werden verschleppt, misshandelt und getötet. In dieser beängstigenden Situation stellen sich Eltern eine zentrale Frage: Wie erkläre ich meinem Kind, was Krieg ist? Wie viel bekommt es überhaupt mit? Und wie kann ich das Geschehen verständlich machen, ohne zusätzliche Ängste zu schüren?
Konkrete und sachliche Erklärungen sind entscheidend
Bereits die Coronapandemie hatte massive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit von Kindern. Die Kleinen sind seelisch ausgelaugt und erschöpft. Nach dem Überfall auf die Ukraine kommt nun ein weiterer bewaffneter Konflikt hinzu. Was macht das mit den Seelen der Kinder? fragt sich der renommierte Familientherapeut Dr. Filip Caby.
„Zu Beginn der Pandemie haben wir damals eine Sammlung von Ideen für Familien entwickelt, wie sie ihren Kindern spielerisch die Pandemie erklären können. So etwas bräuchte es jetzt auch, weil uns dieser Krieg noch länger beschäftigen und Familien möglicherweise sehr überfordern wird“, erklärt Dr. Caby. Ein hilfreicher Ansatz sei, sich zu überlegen, welche Antwort einem selbst als Kind genutzt hätte.
Altersgerechte Kommunikation ist der Schlüssel
Gerade Kita- und Grundschulkinder sind voller Sorge und machen dies sehr deutlich, wie der Kinder- und Jugendpsychiater aus eigener Praxis berichtet: Sie haben viele Fragen und wollen diese auch beantwortet haben. Es sei wichtig, den Kleinen ganz konkret, ruhig und in einfacher Sprache zu erklären, was da passiert – nämlich, dass Menschen Kriege miteinander führen, weil sie mächtig sein wollen.
Bei Jugendlichen gebe es allerdings einen großen Unterschied. „Sie machen viel mit sich selbst aus und gehen da weniger in die direkte Kommunikation mit den Eltern. Deshalb ist es umso wichtiger, dass die Eltern selbst das Thema ansprechen“, betont Dr. Caby. Auch um sicherzustellen, dass sie die richtigen Informationen bekommen und nicht auf Falschmeldungen hereinfallen.
„Gerade Jugendliche hinterfragen natürlich auch kritischer als kleinere Kinder. Sie können viel mehr dazu sagen, weil sie möglicherweise in der Schule Kontakt zu Flüchtlingskindern aus Kriegsgebieten hatten und eine differenzierte Meinung entwickeln. Das gilt es ernst zu nehmen – sowohl auf emotionaler als auch kognitiver Ebene.“
Eigene Ängste zurücknehmen und Sicherheit vermitteln
Kinder orientieren sich stark an den Gefühlen ihrer Eltern und spüren, wenn diese Angst haben. „Kinder denken noch nicht in komplexen Kontexten und sind dadurch ein Stück weit geschützter als Erwachsene, die sich schneller folgenreiche Schreckensszenarien ausmalen. Aber die Kinder bekommen mit, wenn sich ihre Eltern fürchten“, erklärt Dr. Caby. Deshalb müsse man besonders aufpassen, dass man die eigene Angst nicht auf das Kind übertrage und den Kleinen stattdessen Sicherheit vermittle.
Kinder nicht von Nachrichten fernhalten
Auch bei den Kleineren sollte man nicht unterschätzen, was sie alles mitbekommen. Fragen dürfen dann nicht abgetan werden, indem man antwortet, dass sie dafür noch zu jung sind. „Halten Sie Kinder auch nicht von Nachrichten im Fernsehen oder Radio fern, weil sie spätestens in der Schule oder im Kindergarten von anderen Kindern darauf angesprochen werden. Und dann ist es wichtig, dass sie von den Eltern einfühlsam vorbereitet werden“, so Caby.
Natürlich bedeute das nicht, dass man Kinder gezielt schlimmen Bildern aussetzt. Um dennoch über die Ereignisse aufzuklären, rät unter anderem die Initiative „Schau hin! Was Dein Kind mit Medien macht“ Eltern zu kindgerechten Formaten. Kindernachrichten etwa auf „logo!“, „neuneinhalb“ oder im Kinderradio „KiRaKa“ seien geeignete Angebote. Sie sollten gemeinsam mit den Kindern geschaut werden, empfehlen Medienexperten.
Dr. Filip Caby lebt in Lüdenscheid (Nordrhein-Westfalen) und ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie.



