Antifeminismus in Deutschland: Gefahr für Beziehungen und Demokratie
Antifeminismus: Gefahr für Beziehungen und Demokratie

Antifeminismus in Deutschland: „Müssen jetzt wütend sein“

Ob für heterosexuelle Beziehungen oder gar die Demokratie: Fachleute sehen im Antifeminismus eine ernsthafte Gefahr für die Gesellschaft. Wie verbreitet diese Haltungen tatsächlich sind, welches männliche Lebensmodell damit zusammenhängt und welche Lösungsansätze denkbar sind, beleuchtet eine aktuelle Analyse.

Verbreitung antifeministischer Einstellungen

Die Leipziger Autoritarismus-Studie der Heinrich-Böll-Stiftung aus dem Jahr 2024 liefert erschreckende Zahlen: Bis zu einem Viertel der Deutschen weist antifeministische und sexistische Haltungen auf. „Damit haben wir einen ersten Annäherungswert, der mit Vorsicht zu genießen ist“, ordnet Annette Henninger, Professorin für Politik und Geschlechterverhältnisse an der Universität Marburg, diese Ergebnisse ein. Einige Aspekte des aktuellen Antifeminismus seien in der Studie gar nicht abgefragt worden.

„Ich würde gern wissen, wie viele Menschen der Vorstellung anhängen, dass es nur zwei Geschlechter gibt und das von der Natur vorgegeben ist. Diese Menschen müsste man dazu rechnen, andere womöglich herausrechnen“, erklärt die Wissenschaftlerin. Antifeministen lehnen laut Henninger nicht nur das Konzept des sozial konstruierten Geschlechts ab, sie glauben auch an natürliche Hierarchien zwischen Menschen und festgelegte Rollen von Frauen und Männern.

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Krise des traditionellen Männlichkeitsbildes

Ein wesentlicher Grund für die Verbreitung antifeministischer Einstellungen liegt in der Krise des sogenannten „Ernährermodells“. „Das klassische Normalarbeitsverhältnis, bei dem man nach einer Ausbildung als qualifizierter Facharbeiter lebenslang einen sicheren Job hat und von dem Einkommen seine Familie ernähren kann, ist für viele illusorisch geworden“, analysiert Henninger. Dennoch bleibe genau dies die unhinterfragte Erwartung an Jungen und Männer.

Daraus ergeben sich zwei zentrale Fragen: Welchem Lebensmodell, das positiv Identität stiftet, können Männer zukünftig nachstreben? Und warum wird der gesellschaftliche Wandel von vielen Männern eher als Bedrohung denn als Chance wahrgenommen? „Für Frauen haben sich durch das Aufbrechen der Hausfrauenehe die Möglichkeiten vervielfältigt, während das für Männer nicht so zu sein scheint oder nicht so wahrgenommen wird“, so Henninger.

Einfluss sozialer Medien auf junge Männer

Der Psychologe und Männerberater Björn Süfke beschreibt die aktuelle Situation als Übergangszeit von traditionellen Männlichkeitsvorstellungen hin zu einer hoffentlich geschlechtergerechten Gesellschaft. „Männer und gerade Jungen, die in ihrer Identität noch weniger gefestigt sind, stehen zwischen zwei Welten“, erklärt er.

Besonders problematisch ist der Einfluss sozialer Medien: „Ein Junge bekommt alle 21 Minuten etwas Antifeministisches bei TikTok oder Instagram reingespült, etwas von Andrew Tate oder AfD-Politiker Maximilian Krah – unabhängig davon, ob er solchen Accounts folgt“, berichtet Süfke. Diese Verunsicherung werde von Männlichkeitsinfluencern und Pick-up-Artists gezielt ausgenutzt.

Eine aktuelle Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) kommt zu dem Ergebnis, dass rund 26 Prozent der Jungen ein „problematisches Weltbild“ haben. Sie sind von einer natürlichen männlichen Dominanz überzeugt und zeigen LGBTQ+-Feindlichkeit.

Politische und gesellschaftliche Folgen

Während sich bei jungen Männern antifeministische Haltungen verbreiten, entwickeln sich Mädchen und Frauen häufig in die entgegengesetzte Richtung. „Es gibt deutlich mehr progressive junge Frauen“, stellt Süfke fest. Dies zeige sich exemplarisch an den jüngsten Wahlergebnissen: Während bei jungen Männern eher die AfD punkte, seien es bei jungen Frauen Grüne und Linke.

Diese Entwicklung hat konkrete Auswirkungen auf Partnerschaftsmöglichkeiten. Das Phänomen hat bereits einen Namen: Hetero-Fatalismus, die Abkehr von anstrengenden Beziehungen mit Männern. Das US-Unternehmen Morgan Stanley prognostiziert auf Basis demografischer Erhebungen, dass bis 2030 45 Prozent der Frauen im Alter zwischen 25 und 44 Single sein werden.

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Demokratiegefährdung durch strategische Diskurse

Antifeminismus stellt jedoch nicht nur eine Bedrohung für heterosexuelle Beziehungen dar. „Das fällt nicht einfach vom Himmel, diese Diskurse werden strategisch von extremen Rechten, christlichen Fundamentalisten und in Deutschland von der AfD platziert und geschürt“, erklärt Henninger. Dabei werde etwa ein vermeintlicher Frauenrechtsdiskurs mit Migrationsabwehr verknüpft.

„Aber Deutschland hat es nicht nötig, sexualisierte Gewalt zu importieren. Wir wissen aus der Polizeilichen Kriminalstatistik und aus Befragungsdaten, dass das Zuhause der gefährlichste Ort für Frauen ist. Und Partnerschaftsgewalt geht durch alle Bevölkerungsgruppen“, betont die Wissenschaftlerin. Teilweise gebe es auch einen verbrämten Postfeminismus, der notwendige Maßnahmen wie Quotenregelungen infrage stelle.

Lösungsansätze und Bildungsarbeit

Wie kann die Gesellschaft dem Antifeminismus begegnen? Björn Süfke plädiert für mehr Beratung für Jungen, mehr Aufklärungsarbeit an Schulen und mehr Inhalte auf Social Media, die der sogenannten Manosphere entgegentreten. „Diese Jungs sind keine Teufel. Man muss nur mit ihnen reden und klarmachen, was zum Beispiel an Andrew Tate problematisch ist“, erklärt der Psychologe.

Christoph May, der Workshops zu Männlichkeit in Unternehmen, Universitäten und kulturellen Einrichtungen gibt, berichtet von praktischen Herausforderungen: „Als erstes geht es darum, die Männer in die Seminare zu bekommen. Sobald 'Feminismus' auf dem Flyer steht, halten die das für ein Thema für Frauen“. Er achte daher auf eine lockere Stimmung und kläre direkt zu Beginn, welche männlichen Abwehrstrategien es gegen feministische Positionen gebe.

„Männer sollen danach wissen, wie man kritisch über Männlichkeit spricht, ohne das persönlich zu nehmen, und was sie für Frauenrechte tun können“, beschreibt May seine Zielsetzung. Mit den Vorteilen des Feminismus für das eigene Männerleben will er sie hingegen nicht mehr überzeugen. „Über den Punkt sind wir hinaus, wir müssen jetzt wütend sein, wenn Männer schweigen, verharmlosen und relativieren“.

Die Zahlen des Bundeskriminalamts unterstreichen die Dringlichkeit des Themas: Allein im Jahr 2024 wurden in Deutschland 308 Frauen und Mädchen getötet und 187.128 Opfer häuslicher Gewalt registriert. Vor diesem Hintergrund gewinnen die Bemühungen um eine geschlechtergerechte Gesellschaft und die Bekämpfung antifeministischer Haltungen zusätzliche Bedeutung.