Antifeminismus in Deutschland: Experten warnen vor Gefahr für Demokratie und Gesellschaft
Antifeminismus: Gefahr für Demokratie und Gesellschaft

Antifeminismus in Deutschland: Eine wachsende gesellschaftliche Bedrohung

Die alarmierenden Zahlen des Bundeskriminalamts sprechen eine deutliche Sprache: Im Jahr 2024 wurden in Deutschland 308 Frauen und Mädchen getötet, während 187.128 Opfer häuslicher Gewalt zu beklagen waren. Vor diesem düsteren Hintergrund gewinnt die Debatte um Antifeminismus und seine gesellschaftlichen Auswirkungen eine neue Dringlichkeit. Experten warnen eindringlich vor den weitreichenden Konsequenzen antifeministischer Strömungen, die nicht nur heterosexuelle Beziehungen, sondern letztlich die Demokratie selbst gefährden könnten.

Verbreitung und Ursachen antifeministischer Haltungen

Die Leipziger Autoritarismus-Studie der Heinrich-Böll-Stiftung aus dem Jahr 2024 liefert erschreckende Erkenntnisse: Bis zu einem Viertel der Deutschen weist demnach antifeministische und sexistische Haltungen auf. Annette Henninger, Professorin für Politik und Geschlechterverhältnisse an der Universität Marburg, ordnet diese Zahlen mit gebotener Vorsicht ein. „Damit haben wir einen ersten Annäherungswert, der mit Vorsicht zu genießen ist“, erklärt die Wissenschaftlerin. Ihrer Einschätzung nach wurde einiges, was den aktuellen Antifeminismus ausmacht, in der Studie gar nicht abgefragt.

Henninger identifiziert eine zentrale Ursache für die Verbreitung antifeministischer Überzeugungen: die Krise des traditionellen „Ernährermodells“. „Das klassische Normalarbeitsverhältnis, bei dem man nach einer Ausbildung als qualifizierter Facharbeiter lebenslang einen sicheren Job hat und von dem Einkommen seine Familie ernähren kann, ist für viele illusorisch geworden“, analysiert die Politikwissenschaftlerin. Dennoch bleibe genau diese Vorstellung die unhinterfragte Erwartung an Jungen und Männer.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Die Rolle sozialer Medien und männlicher Vorbilder

Der Psychologe und Männerberater Björn Süfke beschreibt die aktuelle Situation als Übergangszeit von traditionellen Männlichkeitsvorstellungen hin zu einer hoffentlich geschlechtergerechten Gesellschaft. „Männer und gerade Jungen, die in ihrer Identität noch weniger gefestigt sind, stehen zwischen zwei Welten“, erklärt Süfke. Während 60 Jahre Gleichberechtigungsbemühungen nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen seien, werde diese Verunsicherung systematisch ausgenutzt.

„Ein Junge bekommt alle 21 Minuten etwas Antifeministisches bei TikTok oder Instagram reingespült, etwas von Andrew Tate oder AfD-Politiker Maximilian Krah – unabhängig davon, ob er solchen Accounts folgt“, warnt Süfke. Diese permanente Konfrontation mit antifeministischen Inhalten schaffe Verunsicherung, die von Männlichkeitsinfluencern und Pick-up-Artists gezielt ausgenutzt werde. „Sie geben ein Männlichkeitsbild vor, mit dem man Frauen abwerten kann und wieder jemand ist. Sie versprechen Sicherheit, das verfängt stark“, analysiert der Experte.

Politische und gesellschaftliche Konsequenzen

Eine aktuelle Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) kommt zu dem Ergebnis, dass rund 26 Prozent der Jungen ein „problematisches Weltbild“ haben. Diese Jugendlichen sind unter anderem von einer natürlichen männlichen Dominanz überzeugt und zeigen LGBTQ+-Feindlichkeit. Gleichzeitig entwickeln sich Mädchen und Frauen häufig in die entgegengesetzte Richtung, wie die jüngsten Wahlergebnisse zeigen: Während bei jungen Männern eher die AfD punktet, sind es bei jungen Frauen Grüne und Linke.

„Es gibt deutlich mehr progressive junge Frauen“, stellt Süfke fest. Diese Entwicklung habe direkten Einfluss auf Partnerschaftsmöglichkeiten. „Auf Deutsch gesagt: Jungen und Mädchen kommen quasi gar nicht mehr zusammen.“ Das Phänomen hat bereits einen Namen erhalten: Hetero-Fatalismus, die Abkehr von anstrengenden Beziehungen mit Männern. Das US-Unternehmen Morgan Stanley prognostiziert auf Basis demografischer Erhebungen, dass bis 2030 45 Prozent der Frauen im Alter zwischen 25 und 44 Single sein werden.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Strategische Instrumentalisierung und Gegenmaßnahmen

Annette Henninger forscht derzeit intensiv zum Thema Antifeminismus und warnt vor dessen strategischer Instrumentalisierung. „Das fällt nicht einfach vom Himmel, diese Diskurse werden strategisch von extremen Rechten, christlichen Fundamentalisten und in Deutschland von der AfD platziert und geschürt“, erklärt die Wissenschaftlerin. Dabei werde etwa ein vermeintlicher Frauenrechtsdiskurs mit Migrationsabwehr verknüpft – nach dem Motto, sexualisierte Gewalt sei ein Problem, das von Migranten ausgehe.

„Aber Deutschland hat es nicht nötig, sexualisierte Gewalt zu importieren. Wir wissen aus der Polizeilichen Kriminalstatistik und aus Befragungsdaten, dass das Zuhause der gefährlichste Ort für Frauen ist. Und Partnerschaftsgewalt geht durch alle Bevölkerungsgruppen“, stellt Henninger klar. Teilweise gebe es auch einen verbrämten Postfeminismus mit der Haltung: „Quoten? Brauchen wir nicht mehr.“

Wege aus der Krise: Aufklärung und Dialog

Björn Süfke sieht dringenden Handlungsbedarf: „Was ich Eltern und Fachkräften gleichermaßen sage: Diese Jungs sind keine Teufel. Man muss nur mit ihnen reden und klarmachen, was zum Beispiel an Andrew Tate problematisch ist.“ Der Experte fordert mehr Beratung für Jungen, mehr Aufklärungsarbeit an Schulen und mehr Inhalte auf Social Media, die der sogenannten Manosphere entgegentreten.

Christoph May, der Workshops zu Männlichkeit in Unternehmen, Universitäten und kulturellen Einrichtungen gibt, berichtet von praktischen Herausforderungen. „Als erstes geht es darum, die Männer in die Seminare zu bekommen. Sobald 'Feminismus' auf dem Flyer steht, halten die das für ein Thema für Frauen“, erklärt der Männerforscher. Er setzt auf verschiedene Strategien, um Männer zu erreichen: die Teilnahme männlicher Vorgesetzter, verpflichtende Teilnahme in bestimmten Kontexten und die Anwesenheit von FLINTA-Personen (Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nicht-binäre, trans und agender Menschen).

May bereitet seine Teilnehmer gezielt auf Abwehrstrategien vor: „Ich sage den Teilnehmern: Das wird definitiv kommen, wir nehmen das als Gesprächsgrundlage. Männer argumentieren gern von Frauen- und queeren Themen weg, wenn es genau darum geht.“ Sein Ziel ist klar: „Männer sollen danach wissen, wie man kritisch über Männlichkeit spricht, ohne das persönlich zu nehmen, und was sie für Frauenrechte tun können.“

Doch May geht noch einen Schritt weiter: Mit Vorteilen des Feminismus für das eigene Männerleben will er seine Teilnehmer nicht mehr überzeugen. „Über den Punkt sind wir hinaus, wir müssen jetzt wütend sein, wenn Männer schweigen, verharmlosen und relativieren.“ Diese klare Haltung spiegelt die Dringlichkeit wider, mit der Experten die Bekämpfung des Antifeminismus fordern – nicht nur zum Schutz von Frauen, sondern zum Erhalt demokratischer Grundwerte insgesamt.