Internationaler Frauentag: Droht ein globaler Rückschritt für Frauenrechte?
Vor genau 80 Jahren wurde die UN-Frauenrechtskommission gegründet, nur ein Jahr nach der Gründung der Vereinten Nationen selbst. Diese historische Entscheidung unterstrich die zentrale Bedeutung der Frauenrechte für Frieden und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Doch während die Gleichstellung der Geschlechter in vielen Bereichen wie Bildung und Arbeitsmarkt bemerkenswerte Fortschritte erzielt hat, bläst heute ein scharfer Gegenwind aus zahlreichen Richtungen.
Weltweiter Backlash gegen feministische Errungenschaften
Judith Rahner, Geschäftsführerin des Deutschen Frauenrats, erinnert sich lebhaft an eine UN-Frauenkonferenz in New York. „Von 99 Reden sprach jede dritte oder vierte von Rückschritten“, berichtet sie. Die Probleme sind vielfältig: fehlende Mittel für Mädchenbildung, Angriffe auf reproduktive Rechte, religiöser Fanatismus und populistische Kulturkämpfe gegen Feminismus.
UN-Generalsekretär António Guterres warnte kürzlich in einem Gastbeitrag: „Von Männern dominierte Institutionen prägen nach wie vor unsere Welt. Der stetig ansteigende Autoritarismus vertieft diese Ungleichheiten und baut mühsam errungene Standards wieder ab.“
Deutschland nicht immun gegen globale Trends
Auch Deutschland scheint von diesen Entwicklungen nicht unberührt zu bleiben. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wies bereits vor einem Jahr auf wachsende Frauenfeindlichkeit hin. Die politischen Konsequenzen sind deutlich sichtbar:
- Der Frauenanteil im Bundestag sank bei der Wahl 2025 auf nur noch 32,4 Prozent
- Bürgermeisterinnen treten zurück oder kandidieren nicht wieder
- Abgeordnete legen ihr Mandat nieder
„Die Frauen im Deutschen Bundestag haben keine Sperrminorität mehr“, konstatierte Steinmeier – eine beunruhigende Entwicklung in einem Land mit rund einer Million mehr Frauen als Männern.
Frauenministerin Prien fordert mehr Tempo
Für Bundesfrauenministerin Karin Prien (CDU) bleibt viel zu tun. Zwar stehe Deutschland international vergleichsweise gut da, doch die Herausforderungen sind beträchtlich:
- Der Gender Pay Gap schrumpft zu langsam
- Frauen sind in Führungspositionen weiterhin unterrepräsentiert
- Sorgearbeit bleibt ungleich verteilt
Prien betont: „Wir müssen weiter an Tempo gewinnen.“ Ihre Prioritäten umfassen verbindliche Vorgaben für Frauen in Führungspositionen, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie den Ausbau von Gewaltschutzstrukturen.
Die UN-Frauenrechtskommission als wichtiger Motor
Anlässlich der 70. Sitzung der UN-Frauenrechtskommission reist Ministerin Prien nach New York. Das 1946 gegründete Gremium mag auf den ersten Blick fern wirken, doch es hat historische Bedeutung:
- Weltfrauenkonferenzen in Mexiko-Stadt (1975), Kopenhagen (1980), Nairobi (1985) und Peking (1995)
- Das Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW) von 1979
- Deutschlands Beitritt zu CEDAW im Jahr 1985
Angela Langekamp von UN Women Deutschland betont: „In vielen Bereichen sind wir heute so nah an der Gleichstellung der Geschlechter wie nie zuvor.“ Doch gleichzeitig seien hart erkämpfte Fortschritte noch nie so stark von Rückschritten bedroht gewesen.
Globale Bedrohungen für Frauenrechte
Die US-Denkfabrik Carnegie Endowment for International Peace dokumentiert besorgniserregende Entwicklungen weltweit:
- In Afghanistan bestimmen islamistische Taliban über Frauenrechte
- US-Präsident Donald Trump strich Förderprogramme als „Gender-Ideologie“
- Russland tilgte Sexualkunde aus Lehrplänen
- Nigeria, Brasilien, El Salvador, Paraguay und Peru schränkten Aufklärungsunterricht ein
- Der Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen wird in den USA, Polen und Ungarn eingeschränkt
Die 70. Sitzung der UN-Frauenrechtskommission widmet sich daher zentralen Themen: Beseitigung diskriminierender Gesetze und Praktiken sowie Förderung inklusiver Rechtssysteme. In einer Zeit, in der der Multilateralismus selbst unter Druck steht, bleibt das Ringen um globale Frauenrechte eine dringende Aufgabe.



