Miss Germany im Wandel: Vom Bikini zur Power-Plattform für engagierte Frauen
Miss Germany: Vom Bikini zur Power-Plattform

Miss Germany im radikalen Wandel: Vom Bikini zur Power-Plattform

Wer heute an „Miss Germany“ denkt, verbindet den Namen nicht mehr automatisch mit funkelnden Abendkleidern und Bikini-Auftritten. Am heutigen Abend wird in München die nächste Titelträgerin gekürt – und unter den neun Finalistinnen finden sich eine Bundeswehrsoldatin, eine Biologin, die im Labor Haut züchtet, sowie eine Fotografin, die als einzige Frau mit Kamera am Spielfeldrand der ersten Mannschaft des FC Bayern München steht. Die Ära des Bikinis ist definitiv vorbei, es geht heute um Power statt Bikini.

Jahrzehnte der Tradition und des Wandels

Der Wettbewerb wurde bereits 1927 gegründet und durchlief über die Jahrzehnte verschiedene Phasen. Im Jahr 1960 übernahm der damals 23-jährige Horst Klemmer das Unternehmen und brachte Glamour in ein Land, das sich neu erfinden wollte. Die Miss Germany war damals Aufbruchssignal und Unterhaltung zugleich – eine Mischung aus Zeitgeist, Show und gesellschaftlichem Ereignis. Später führte sein Sohn Ralf Klemmer das Unternehmen weiter, professionalisierte das Format und hielt es über Jahrzehnte erfolgreich im Markt.

Frauen wie die Unternehmerin Dagmar Wöhrl (heute 71) bewiesen bereits früh, dass Schönheit und Scharfsinn kein Widerspruch sein müssen. Für viele Gewinnerinnen war der Titel weit mehr als nur eine Krone: Er wurde zum Türöffner, Karrieresprungbrett und zur Bühne für neue Möglichkeiten.

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Die dritte Generation revolutioniert das Konzept

Heute führt mit Max Klemmer (29) die dritte Generation das Unternehmen – und wieder spiegelt der Wettbewerb den gesellschaftlichen Wandel wider. Seit seiner Übernahme im Jahr 2022 hat Klemmer das Konzept grundlegend weiterentwickelt. Der klassische Bikinilauf wurde abgeschafft, ebenso wie feste Vorgaben zu Alter, Familienstand oder Mutterschaft. Früher mussten die Frauen kinderlos, unverheiratet und unter 30 Jahren sein.

Statt allein Walk und Abendrobe zu bewerten, präsentieren die Teilnehmerinnen heute ihre Projekte, ihre unternehmerischen Ideen und ihr gesellschaftliches Engagement. Miss Germany versteht sich inzwischen als Plattform für Frauen, die Verantwortung übernehmen und etwas verändern wollen.

Warum dieser radikale Schritt?

„Ich will erreichen, dass Frauen für ihr Können gesehen werden. Und dass erfolgreiche Frauen jungen Mädchen als Vorbild dienen“, erklärt Max Klemmer. Geprägt habe ihn seine Großmutter Hille, bei der er aufwuchs. „Sie war klug, interessiert, meinungsstark. Aber oft wurde ihr weniger zugehört, als sie verdient hätte.“ Für ihn wurde daraus eine Leitfrage: Wie schafft man eine Bühne, auf der Frauen als ganze Persönlichkeiten wahrgenommen werden?

Dieser Wandel bedeutete zugleich einen Bruch mit der eigenen Tradition. 65 Jahre lang hatten Großvater und Vater den Wettbewerb in seiner klassischen Form geführt – erfolgreich und im Geist ihrer Zeit. „Mein Vater war anfangs stinksauer“, so Klemmer offen. Es kam zum Ultimatum. Am Ende kaufte er ihn aus dem Unternehmen heraus, verschuldete sich hoch und riskierte wirtschaftlich alles. Vater und Sohn sprachen monatelang nicht miteinander. Inzwischen ist die Beziehung wieder in Ordnung und das neue Konzept hat sich wirtschaftlich etabliert.

Vielfältige Reaktionen auf die Neuausrichtung

Viele begrüßen den Schritt. Miriam Hoff (heute 51), Miss Germany Associate 1995 und spätere Miss-Universe-Teilnehmerin, sagt: „Ich hatte ein großartiges Jahr. Aber ich weiß auch, wie stark der Fokus auf das Äußere wirken kann.“ Heute arbeitet sie als Jugendtherapeutin und erlebt, wie sehr Mädchen unter Schönheitsdruck leiden. „Es ist ein starkes Signal, wenn heute Können und Engagement sichtbar werden. Das heißt ja nicht, dass Schönheit keine Rolle mehr spielen darf – sondern dass sie nicht das Einzige ist.“

Andere finden, eine „Miss“-Wahl ohne klassische Schönheitsbewertung verliere ihren Kern. Besonders heftig zeigte sich die Ablehnung nach der Wahl von Apameh „Api“ Schönauer (41) zur Miss Germany 2024. Hasserfüllte Kommentare überschwemmten soziale Netzwerke. „Die Reaktionen haben mir gezeigt, wie notwendig diese Veränderung ist“, sagt Schönauer. „Ich habe Drohungen gegen meine Familie und mich erhalten. Wir mussten sogar die Staatsanwaltschaft einschalten.“

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Der Miss-Germany-Wettbewerb steht damit exemplarisch für einen gesellschaftlichen Umbruch: Was früher primär als Schönheitswettbewerb galt, hat sich zu einer Plattform für weibliche Power, Engagement und unternehmerische Visionen entwickelt. Die Krone ist geblieben – aber ihr Bedeutungswandel könnte kaum größer sein.