One Billion Rising in Rostock: Gemeinsamer Tanz gegen Gewalt an Frauen rührt zu Tränen
Am 14. Februar tanzten weltweit Menschen als Zeichen der Solidarität für die „One Billion“ – eine Milliarde von Gewalt bedrohte Frauen – die gleiche Choreografie. Auch in Rostock nahmen etwa 200 Frauen und Männer an der Aktion One Billion Rising teil, die seit 2012 jährlich stattfindet. Der gemeinsame Tanz auf dem Universitätsplatz rührte viele Teilnehmer zu Tränen und sendete ein starkes Signal gegen patriarchale Gewalt.
Utes persönlicher Weg aus der Gewalt
Ute, deren Name von der Redaktion geändert wurde, steht am Rand des Brunnens der Lebensfreude und blickt sichtlich berührt auf die tanzende Menge in Pink. Sie ist zum ersten Mal bei der Aktion dabei, nachdem ihre Therapeutin ihr davon erzählt hat. Mit einem kleinen pinkfarbenen Tuch am Handgelenk – „nicht ganz so offensichtlich“ – nimmt sie teil, um sich und ihren vierjährigen Sohn zu schützen.
„Jahrelang habe ich in einer gewaltvollen Beziehung gelebt“, erzählt Ute mit hörbarem Kloß im Hals. „Erst vor etwa zwei Jahren ist es mir gelungen, mit Unterstützung einer Sozialarbeiterin meinen damaligen Mann zu verlassen. Allein hätte ich das nicht geschafft.“ Der Umzug nach Rostock markierte einen Neuanfang für sie und ihren Sohn.
Die emotionale Wirkung des gemeinsamen Tanzens
„Ich kann überhaupt nicht beschreiben, wie sich das anfühlt, wenn ich sehe, wie da die Frauen gemeinsam tanzen“, sagt Ute und deutet auf die wenigen Männer in der Menge. „Das macht was mit mir. Weil ich mich weniger allein fühle, vielleicht. Das sind ja so viele.“
Der Tanzverein FANatic Dance aus Güstrow unterstützte die Aktion auch in diesem Jahr. Tänzerin Lina betont: „Das gemeinsame Tanzen verbindet auf eine Weise, die unter die Haut geht. Schöner könnte man nicht demonstrieren.“ Beim Kampagnenlied „Break the Chain“ stahl sich in beinahe jedes Gesicht ein Lächeln.
Gewalt beginnt nicht mit Schlägen
Ute beschreibt, wie die Kontrolle in ihrer Beziehung schleichend begann: „Geschlagen hat er mich ja gar nicht so oft. Aber er hatte die Hoheit über das gemeinsame Geld, die Autoschlüssel, wenn es ganz schlimm wurde, sogar die Wohnungsschlüssel. Ich durfte nur zur Arbeit, sonst nichts.“ Sie putzte damals jede Nacht von zwei bis etwa sieben Uhr und lebte im „Überlebensmodus“.
Der Weg aus der Gewaltbeziehung begann, als eine polnische Arbeitskollegin sie direkt ansprach und ihr eine Karte von einem Frauenhaus in die Hand drückte. „Frauenpower eben“, erinnert sich Ute mit einem Lachen.
Alarmierende Statistiken und notwendige Prävention
Zwischen den Tanzdarbietungen hielten Aktivistinnen Reden zum Thema Gewalt gegen Frauen. Heike Herold, Vorstandsmitglied des Vereins Starkmachen, erklärte: „Jede dritte Frau erlebt im Laufe ihres Lebens Gewalt. Nur unter fünf Prozent der Fälle werden überhaupt bei der Polizei angezeigt.“ Sie stellte das bundesweite Projekt „StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt“ vor, das Nachbarschaften sensibilisieren und soziale Netzwerke fördern soll.
Martina Schwarz von der Beratungsstelle WoLena – Wohnen und Leben nach der Gewalt – ergänzte: „Fast jeden Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Das ist ein strukturelles Problem und kann nicht als bloßes Einzelschicksal gewertet werden.“ Beide Rednerinnen betonten, dass Prävention das Wichtigste sei.
Gewalt beginne nicht mit Schlägen, so Schwarz, „sie beginnt mit Kontrolle, mit Abwertung, mit Schweigen. Wir müssen Machtstrukturen abbauen durch Bewusstsein, durch Bildung und durch Solidarität.“ Es brauche Räume, in denen Tatpersonen lernen, mit Wut, Ohnmacht und Verletzungen umzugehen – ohne Gewalt.
Für Ute war die Teilnahme an One Billion Rising ein emotionaler Moment der Verbundenheit. Beim zweiten Lied tanzte sie schließlich mit – ein Schritt in ihrer persönlichen Heilung und ein Zeichen der Hoffnung für alle von Gewalt betroffenen Frauen.



