Fünf Rostocker Seniorinnen mit DDR-Vergangenheit: So bewerten sie Gleichberechtigung heute
Zusammen blicken sie auf mehr als 400 Jahre Lebenserfahrung zurück, die sich über zwei politische Systeme erstreckt. Fünf über 80-jährige Frauen aus Rostock und Umgebung, die sich noch aus DDR-Schulzeiten kennen, treffen sich regelmäßig zum Austausch. Kurz vor dem Internationalen Frauentag diskutieren Anna-Katrin Grimm, Dr. Ingrid Bichowski, Helga Mekat, Katharina Ohl und Ulrike Mischinger über die Rolle der Frau in Vergangenheit und Gegenwart.
Berufliche Anerkennung damals und heute
Ulrike Mischinger, ehemalige Verkäuferin, erinnert sich an die DDR-Zeit: „Wir wollten damals unbedingt, dass unsere Tochter Kindergärtnerin wird.“ Der Grund: In der DDR zählte dieser Beruf zur sogenannten Intelligenz, die Ausbildung war gut und die gesellschaftliche Anerkennung hoch. Heute beobachtet sie bei ihrer Tochter, die mittlerweile Leiterin einer Kindereinrichtung ist, deutlich schwierigere Arbeitsbedingungen und Fachkräftemangel.
Auch Anna-Katrin Grimm, pensionierte Gymnasiallehrerin, äußert sich kritisch zur aktuellen Wertschätzung von Care-Arbeit: „Man hört ja immer so viel über die ‚Care-Arbeit‘, aber so richtig wichtig wird das ja gerade im beruflichen Kontext gar nicht mehr genommen, scheint es.“
Das Märchen von der vollständigen Gleichberechtigung in der DDR
Dr. Ingrid Bichowski, Humanmedizinerin im Ruhestand, betont: „Wir Frauen in der DDR waren voll integriert in den Arbeitsalltag, wir mussten aber beides leisten: Arbeit und Kinder.“ Die 85-Jährige erklärt, dass sie mit ihrem Mann eine gute Regelung gefunden habe, fügt jedoch hinzu: „Aber das war tatsächlich eher eine Ausnahme. Die Männer würden sich nach wie vor ja doch am liebsten raushalten.“
Katharina Ohl, studierte Ingenieurin, die ihr gesamtes Berufsleben in männerdominierten Bereichen verbrachte, beobachtet strukturelle Probleme: „Wenn die Frau weniger verdient oder wegen der Erziehungsarbeit in Teilzeit ist, bleibt sie am Ende eben auch eher zu Hause.“ Dadurch entstünden Abhängigkeitsverhältnisse in Beziehungen, da der Mann nach der Familiengründung in der Regel weiterhin Hauptverdiener bleibe.
Rückschritte und aktuelle Herausforderungen
Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie beschäftigt die Seniorinnen besonders. Katharina Ohl stellt fest: „Ich habe das Gefühl, da waren wir schon mal weiter.“ Die Runde kritisiert zudem, dass finanzielle Möglichkeiten zunehmend bereits im Kindesalter über Bildungswege entscheiden – ein Entwicklung, die sie als Rückschritt bewerten.
Helga Mekat, die in der öffentlichen Verwaltung tätig war, betont hingegen: „Ich habe mich persönlich nie benachteiligt gefühlt.“ Entscheidend seien verlässliche und erreichbare Ausbildungsmöglichkeiten für alle, unabhängig vom Geschlecht.
Drei konkrete Wünsche für die Zukunft
Im Laufe des Gesprächs formulieren die fünf Frauen drei klare Wünsche anlässlich des Frauentags:
- Gelebte Gleichberechtigung unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Alter
- Würdigung im Alltag, da die Anerkennung von Lebensleistung nicht an ein bestimmtes Datum gebunden sein sollte
- Echte Chancengleichheit für alle, wobei Bildungs- oder Lebenswege nicht allein vom finanziellen Hintergrund der Familie abhängen dürfen
Dr. Ingrid Bichowski fasst die Anliegen abschließend zusammen: „Einfach öfter mal richtig zuhören – nicht nur am Frauentag.“ Die fünf Freundinnen wollen nicht nostalgisch zurückblicken, sondern deutlich machen, was heute aus ihrer Sicht fehlt: verlässliche Strukturen, echte Wertschätzung und faire Chancen für alle Generationen.



