Sexualisierte Gewalt: Ein gesellschaftlicher Kampf sucht Verbündete
Die anhaltende und dringend notwendige Debatte über sexualisierte Gewalt in Deutschland erfährt eine mögliche Wende. Lange Zeit schien es, als ob sich vor allem Frauen um Aufklärung und Veränderung bemühten, während viele Männer schwiegen. Doch erste Anzeichen deuten darauf hin, dass sich dies langsam ändern könnte.
Vom Schweigen zur Stellungnahme
Ich hatte die Hoffnung fast aufgegeben, dass sich in dieser Hinsicht noch etwas bewegen würde. Über viele Jahre hinweg machte es den Anschein, als beschäftigten sich Männer nur selten mit den Ursachen der epidemieartigen sexuellen Gewalt, von der Medien regelmäßig berichten. Zwar gab es stets Einzelne, die öffentlich Position bezogen, doch die treibende Kraft der Aufklärung blieben Frauen.
Ende Februar veröffentlichte ich einen Text, der das Schweigen zahlreicher Männer anprangerte und mehr Engagement gerade von den Anständigen forderte. Bei gesellschaftlichen Problemen komme es schließlich immer auf die Verantwortungsübernahme der Anständigen an. Statt des erwarteten Spotts erreichten mich jedoch konstruktive Reaktionen.
Ein Leser teilte mit, er werde nun eine Petition gegen sexualisierte Gewalt unterschreiben. Ein anderer machte sich detaillierte Gedanken über die Motivation der Täter. Diese Entwicklungen fanden noch vor der breiten SPIEGEL-Berichterstattung über sexualisierte digitale Gewalt statt. Seither mischen sich zwar nach wie vor vorrangig Frauen in die Debatte ein, doch auch mehrere männliche Journalisten und prominente Persönlichkeiten äußern sich vermehrt.
Generationenproblem mit alarmierenden Zahlen
Es ist noch zu früh für definitive Aussagen, und allzu große Hoffnungen sollte man sich nicht machen. Dennoch wäre es essenziell, wenn der Kampf gegen sexualisierte Gewalt zu einer gemeinsamen Sache werden würde. Das Problem scheint sich nämlich nicht einfach mit einer neuen Generation zu erledigen.
Eine im März veröffentlichte internationale Studie des Meinungsforschungsinstituts Ipsos offenbart besorgniserregende Tendenzen: Fast ein Drittel der jungen Männer, geboren zwischen 1997 und 2012, ist der Ansicht, dass eine Ehefrau ihrem Mann stets gehorchen sollte. Dieser Wert liegt deutlich höher als bei Männern der Geburtsjahrgänge 1946 bis 1964.
Genau diese Vorstellung männlicher Dominanz über Frauen kann jedoch Gewaltfantasien und entsprechende Taten befördern. Die Lage spitzt sich somit weiter zu, anstatt sich zu entschärfen.
Deutschland Ost und West: Geteilte Probleme
Parallel zur Debatte über sexualisierte Gewalt zeigen sich auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen erstaunliche Gemeinsamkeiten zwischen Ost- und Westdeutschland. Zwar haben die ostdeutschen Bundesländer zweifellos eine eigene Geschichte, doch die jüngsten Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz offenbarten, dass der Westen keineswegs grundlegend anders tickt.
Die AfD, oft vorschnell als ostdeutsches Phänomen abgetan, erzielte in beiden westlichen Bundesländern Rekordergebnisse. Deutschland Ost und West teilen somit nicht nur eine gemeinsame Geschichte, sondern auch ähnliche politische und gesellschaftliche Herausforderungen.
Politische Herausforderungen auf nationaler Ebene
Auf politischer Ebene steht Bundeskanzler Friedrich Merz vor komplexen Aufgaben. Neben der Teilnahme an einer Regionalkonferenz der ostdeutschen Ministerpräsidenten muss er sich einer Regierungsbefragung im Parlament stellen. Dabei dürften der Irankrieg und seine wirtschaftlichen Folgen für Deutschland im Mittelpunkt stehen.
Merz' Kurs gegenüber den USA, die den Iran angegriffen haben, erscheint wenig konsistent. Zunächst betonte er, die USA nicht „belehren“ zu wollen, später warf er US-Präsident Donald Trump indirekt Konzeptlosigkeit vor und stellte klar, dass Deutschland sich nicht am Krieg beteiligen werde.
Zwar gehört es zu den schwierigsten diplomatischen Übungen, sich Trump gegenüber angemessen zu verhalten, wie auch der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck in der Talkshow von Caren Miosga anmerkte. Doch das Meistern solcher Herausforderungen gehört nun einmal zur Jobbeschreibung eines Bundeskanzlers.
Perspektiven für Veränderung
Die Frage bleibt: Wird der Kampf gegen sexualisierte Gewalt tatsächlich zu einer gemeinsamen Sache von Frauen und Männern? Die ersten zaghaften Signale sind da, doch ob sie ausreichen, um tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken, muss sich erst noch zeigen. Notwendig wäre es allemal, denn das Problem verschwindet nicht von selbst – im Gegenteil, die jüngsten Studien zeigen, dass es sich sogar verfestigen könnte.



