21 Jahre nach dem Mord: Hatun Sürücüs Sohn kämpft gegen das Vergessen
Can Sürücü war gerade fünf Jahre alt, als seine Mutter Hatun Sürücü am 7. Februar 2005 an einer Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof ermordet wurde. Einer ihrer Brüder erschoss die damals 23-jährige Deutsch-Türkin, die gegen den Willen ihrer Familie ihr Kopftuch abgelegt hatte und einen Beruf erlernte. „Ich bin stolz auf meine Mama“, sagte ihr Sohn am Montag – genau 21 Jahre nach dem furchtbaren Tod seiner Mutter.
Spurensuche in Berlin
Der heute 26-jährige Can Sürücü, der inzwischen in der Nähe von Stuttgart lebt, hat sich intensiv mit der Geschichte seiner Mutter und ihrer gemeinsamen Zeit beschäftigt. Auf Plattformen wie YouTube, TikTok und Instagram äußert er sich regelmäßig dazu. Es gehe ihm darum, als Sohn Stellung zu beziehen und sicherzustellen, dass seine Mutter nicht in Vergessenheit gerät. Aus diesem Grund begab er sich auf Spurensuche nach den Orten in Berlin, die er mit seiner Mutter teilte:
- Der Spielplatz, auf dem sie gemeinsam waren
- Die Kita, die er besuchte
- Die Wohnung, in der sie lebten
Die Reaktionen auf seine Beiträge seien überwiegend positiv, insbesondere von jungen Frauen, die ihm ihre eigenen Geschichten erzählen wollten.
Politik fordert offene Diskussion
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) betonte bei einer Veranstaltung im Roten Rathaus anlässlich des 21. Todestages: „Hatun Sürücü war kein Einzelfall“. Er forderte eine offene Auseinandersetzung mit den Hintergründen solcher Morde an Frauen aus muslimischen Familien. „Ich glaube, es ist wichtig, Dinge beim Namen zu nennen, um Probleme zu lösen. Wenn ich zu einem Arzt gehe, der keine Diagnose stellt, wird er mich auch nicht behandeln können“, so Wegner. Sogenannte Ehrenmorde müssten klar benannt werden.
Wegner verwies darauf, dass auch in Berlin Bedrohungen und Gewalt gegen junge Frauen und Mädchen existieren – „auch im Namen der sogenannten Ehre“. Dies stehe im Widerspruch zur freiheitlichen Art des Zusammenlebens. Der Bürgermeister bedankte sich ausdrücklich bei Can Sürücü für dessen Engagement.
Expertin warnt vor realem Risiko
Sevil Yildirim vom Projekt MaDonna Mädchentreff in Neukölln ergänzte, dass Themen wie Zwangsheirat kein Nischenproblem seien. Für Frauen, die sich nicht beugten, bestehe ein reales Risiko, ermordet zu werden – teilweise nicht in Deutschland, sondern in ihren Heimatländern. „Die ganze Familie beschließt, jemanden zu ermorden“, sagte Yildirim. Sie plädierte dafür, solche Fälle nicht mit dem allgemeinen Begriff Femizid zu bezeichnen, da dieser dem spezifischen Hintergrund nicht gerecht werde.
Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) betonte, das Thema habe nichts an Dringlichkeit verloren. „Das Erste, was wir machen müssen, ist, es auszusprechen“. Es bedürfe mehr Schutzräume für bedrohte Frauen in Berlin.
Der sinnlose Tod von Hatun Sürücü löste in Deutschland eine breite Diskussion über patriarchale Strukturen in muslimischen Einwandererfamilien aus. Ihr Sohn Can setzt sich weiterhin dafür ein, dass diese Debatte nicht verstummt und seine Mutter nicht vergessen wird.



