IS-Prozess in München: Von der Jugendliebe zur Terrororganisation – Eine Reuegeschichte
IS-Prozess: Oberfränkin bereut Radikalisierung und Terror-Mitgliedschaft

IS-Prozess in München: Von der Jugendliebe in den Terror – Eine Frau bereut ihre Radikalisierung

Vor dem Oberlandesgericht München läuft ein aufsehenerregender Prozess gegen eine 38-jährige Frau aus Oberfranken, die wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland angeklagt ist. Die Generalstaatsanwaltschaft wirft ihr vor, als konvertierte Muslimin dem Islamischen Staat (IS) beigetreten zu sein und ihre drei Kinder bewusst in das syrische Bürgerkriegsgebiet gebracht zu haben. Die Angeklagte, die sich heute entschieden vom IS distanziert, schildert einen Weg von der Jugendliebe über die Radikalisierung bis zur tiefen Reue.

Von Bamberg nach Raqqa: Eine fatale Reise in den Terror

Die Geschichte beginnt im Jahr 2003, als die damals 15-jährige Lydia aus Oberfranken im Urlaub den 19-jährigen Tunesier Mouadh kennenlernte. Fünf Jahre später heirateten die beiden und bauten sich ein gemeinsames Leben nahe Bamberg auf. "Mo war meine große Liebe", gestand die Frau im Gerichtssaal. Doch diese Idylle währte nicht lange. Nach ihrer Konversion zum Islam im Jahr 2007 und zunehmender Isolation durch ihren Ehemann folgte sie ihm im September 2014 mit ihren drei Kindern über die Türkei nach Syrien, wo er nach Angaben der Anklage für den IS kämpfte.

In Raqqa, der damaligen Hochburg des Islamischen Staates, ließ sich die Familie nieder. Doch das Schicksal schlug hart zu: 2015 verübte ihr erster Ehemann ein Selbstmordattentat mit einer Autobombe und kam dabei ums Leben. Nur wenige Monate später heiratete die Frau erneut und wurde Zweitfrau eines weiteren IS-Kämpfers. Aus dieser Ehe ging 2017 ein weiterer Sohn hervor. 2018 starb auch ihr zweiter Ehemann bei einem Bombenangriff auf ihre Wohnung.

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"Maximal verblendet": Die Angeklagte distanziert sich vom IS

Die Generalstaatsanwaltschaft wirft der Frau vor, ihre Kinder bewusst in ein Kriegsgebiet gebracht und im Sinne der IS-Ideologie erzogen zu haben. Sie sei "maximal verblendet" gewesen und habe den bewaffneten Dschihad als legitimes Mittel zur Durchsetzung ultrakonservativer islamistischer Interessen angesehen. Die Angeklagte weist diese Vorwürfe heute entschieden zurück. "Ich war maximal verblendet", erklärt sie über ihre Verteidigerin. Heute könne sie diese Radikalisierung nicht mehr nachempfinden und wolle sich ausdrücklich davon distanzieren.

In einer persönlichen Erklärung vor Gericht entschuldigte sich die gebürtige Bambergerin bei ihren Kindern für das Erlebte: Krieg, Angst und den Verlust ihrer Väter. Sie beschreibt sich selbst als naiv, leichtgläubig und manipulierbar, die in den "Sog der Propaganda" unter den extremen Verhältnissen in Syrien geriet. Anfangs sei ihr Ehemann noch liberal erschienen – sie durfte arbeiten, Auto fahren und er spielte Fußball. Doch mit der Zeit wurde sie immer mehr isoliert, verlor den Kontakt zu Familie und Freunden.

Der Weg zurück: Von Syrien nach Deutschland

Nach dem Tod ihres zweiten Ehemanns ging die alleinerziehende Mutter mit ihren vier Kindern im Februar 2019 in ein Flüchtlingscamp. Nach weiteren Stationen wurde sie im Mai 2025 nach Deutschland ausgeflogen und kurz nach ihrer Einreise festgenommen. Seitdem befindet sie sich in Untersuchungshaft und nimmt an einem Deradikalisierungsprogramm teil.

Die Angeklagte betont, dass sie durch die IS-Ideologie den Islam in ein schlechtes Licht gerückt sehe. Sie selbst finde Kraft in ihrem muslimischen Glauben und habe ihre Kinder nicht mit Hass und Hetze erzogen, sondern ihnen Freundlichkeit, Höflichkeit und Respekt beigebracht. "Dass ich nachgegeben habe, war der größte Fehler meines Lebens", sagt sie heute. Jeden Tag schäme sie sich für die Aggressivität des IS, insbesondere für Selbstmordattentate, für die sie in ihrer Religion keine Legitimation finde.

Hoffnung auf einen Neuanfang

Die 38-Jährige bedankte sich vor Gericht bei den deutschen Behörden, darunter dem Auswärtigen Amt und dem Jugendamt, für die Chance auf ein neues Leben. Sie hoffe auf einen Neuanfang, wolle in Frieden und Freiheit mit ihrer Familie leben und alles wiedergutmachen. "Ich möchte mit der Vergangenheit abschließen", erklärte sie im Gerichtssaal.

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Der Prozess vor dem Oberlandesgericht München ist bis einschließlich 7. Mai auf zunächst 15 Verhandlungstage angesetzt. Die Anklage lautet auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland sowie Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht als Mutter. Das Verfahren wirft nicht nur Fragen nach individueller Schuld auf, sondern auch nach den Mechanismen der Radikalisierung und den Möglichkeiten der Deradikalisierung.