Lkw-Crash in Neubrandenburg: Haftstrafe auf Bewährung für Fahrer
Lkw-Crash in Neubrandenburg: Bewährungsstrafe

„Ich sah im Rückspiegel ein riesengroßes Auto kommen, plötzlich war alles dunkel“, erinnert sich der 93 Jahre alte Zeuge im Gerichtssaal an den folgenschweren Unfall auf dem Neubrandenburger Stadtring, der bis heute sein Leben beeinflusst. Vor zweieinhalb Jahren – am 8. November 2023 – fuhr ein Lastwagen ungebremst auf dem südlichen Friedrich-Engels-Ring auf zwei Autos auf, die an der Ampel warteten, um Richtung Südstadt und Neustrelitz abzubiegen. Die Folge: Drei Insassen wurden zum Teil schwer verletzt, darunter die Mitfahrerin im Wagen des inzwischen 93-Jährigen. Sie war vier Monate in der Klinik, konnte lange nicht einmal sprechen oder gehen.

Gutachter: Alle hatten wohl einen großen Schutzengel

Jetzt nahm die heute 73 Jahre alte Frau aber alle Kraft zusammen und kam ins Neubrandenburger Amtsgericht. Dort musste sich der Lkw-Fahrer seiner Verantwortung stellen. Aus den Rekonstruktionen der Gutachter geht hervor, dass alle Beteiligten des Unfalls damals wohl doch noch einen großen Schutzengel hatten. „Da hätte es Tote geben können“, schickt der Verteidiger voraus.

„Mein Mandant kann sich an fast nichts mehr erinnern“, sagt der Verteidiger weiter. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 30-jährigen Brandenburger fahrlässige Körperverletzung vor. Klar ist, dass er damals mit dem Brummi aus Stavenhagen kam und über Neubrandenburg und die B96 nach Luckenwalde in Südbrandenburg wollte.

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Zeugen: Mit „mindestens 58 Sachen“ Rotlicht missachtet

Über Zeugenaussagen wird schnell klar: Der Lkw hatte an jenem Tag eigentlich ein rotes Ampelzeichen. Er fuhr aber mit „mindestens 58 Sachen“ ungebremst auf einen Golf auf. Dieser rammte einen anderen Pkw, der wegflog und dessen Fahrer ebenfalls verletzt wurde.

Das erste Auto, einen grünen VW Golf, schob der riesige Lastwagen noch ein ganzes Stück weiter vor sich her. Dabei wurde die 73-Jährige aus dem Wagen herausgeschleudert, wie ein Zeuge schildert. Der 93-Jährige musste aus dem Autowrack herausgeschnitten werden. Er hatte mehrere Frakturen und war über Wochen im Krankenhaus.

Der Lkw-Fahrer stieg nach dem Unfall aus. „Er stand unter Schock“, beschreibt es ein Polizist als Zeuge. Der Ring als Hauptverkehrsader in Neubrandenburg war damals fast vier Stunden gesperrt, der Sachschaden wurde auf mehr als 40.000 Euro geschätzt.

Gutachterin rätselt über „Aussetzer“ des Lkw-Fahrers

Mit Hilfe einer Rechtsmedizinerin wird versucht, zu klären, wie es zu dem „Aussetzer“ bei dem Lkw-Fahrer kommen konnte. Doch alle genannten Medikamente lassen nach Einschätzung der Gutachterin keine schlüssige Erklärung dafür zu. Ein weiterer Zeuge, der hinter dem Laster fuhr, sagt, dass der Brummi schon vorher sehr zügig auf dem Ring unterwegs war.

Richterin Iris Hagedorrn verurteilt den Lkw-Fahrer zu einer Haftstrafe von vier Monaten, die für zwei Jahre auf Bewährung ausgesetzt wird. Damit folgt die Richterin der Argumentation der Staatsanwaltschaft. Für deren Vertreterin ist der Gedächtnisverlust des Angeklagten, der von einem „Blackout“ sprach, eine „Schutzbehauptung“. Das Fahr-Bild des Brummis sei eindeutig, der Lkw-Fahrer habe „agiert“. Die Staatsanwältin fordert ebenfalls eine Bewährungsstrafe. Der Verteidiger kann keine Schuld seines Mandanten erkennen und plädiert auf Freispruch.

Lkw-Fahrer entschuldigt sich, 93-Jähriger fährt weiter

Am Ende hat sich der Lkw-Fahrer bei beiden Rentnern, die am schwersten verletzt waren, umfassend entschuldigt. „Es freut mich besonders, dass Sie jetzt wieder sprechen können“, sagt er zu der 73-jährigen Beifahrerin im grünen VW Golf, die sich an nichts mehr erinnern konnte. Das Urteil ist bereits rechtskräftig. Der 93-Jährige aus Neubrandenburg hat seinen Schock inzwischen überwunden. „Ich fahre weiter Auto“, sagt er, aber mit ganz, ganz viel Vorsicht. Er achte besonders aufmerksam darauf, wenn Lastwagen über den Stadtring fahren.

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