Bremen: Prozess um jahrelange Familienquälerei - Angeklagter gesteht Teil der Vorwürfe
Prozess um Familienquälerei: Angeklagter gesteht Teilvorwürfe

Bremer Prozess enthüllt jahrelanges Martyrium einer Familie

Im Landgericht Bremen steht ein 45-jähriger Mann wegen schwerer Misshandlung seiner früheren Partnerin und deren beiden Töchter vor Gericht. Die Anklage wirft dem Angeklagten vor, seine Familie über Jahre hinweg systematisch gequält, isoliert und mit erfundenen Geschichten terrorisiert zu haben. Der Prozess wirft ein schockierendes Licht auf ein jahrelanges Martyrium, das von 2013 bis 2019 in Bremerhaven und später in Bremen stattfand.

Isolation im Kinderzimmer und erfundene Bedrohungen

Die Staatsanwaltschaft beschreibt in ihrer Anklageschrift ein düsteres Bild: Der Mann soll seine damalige Partnerin und deren Töchter, geboren 2004 und 2006, mit absurden Geschichten über Drogenmafia, tödliche Krankheiten und implantierte Mikrochips in ständiger Angst gehalten haben. „Er baute ein massives Lügengeflecht auf“, heißt es in den Anklageunterlagen. Die Familie sei komplett von der Außenwelt abgeschottet und kontrolliert worden.

Besonders grausam erscheinen die Vorwürfe zur Isolation der Kinder: Die Mädchen sollen über längere Zeiträume in ihrem Zimmer eingesperrt gewesen sein, wobei ein Eimer für die Notdurft bereitstand. Eine Tochter musste laut Anklage sogar ihre gesamten Sommerferien in dem Raum verbringen. Die Verteidigerin des Angeklagten räumte zwar ein, dass die Kinder im Zimmer bleiben sollten, bestritt jedoch eine tatsächliche Einsperrung: „Die Mädchen sind jedoch nicht eingesperrt worden.“

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Beerdigungsplanung und medizinische Manipulation

Einer der erschütterndsten Vorwürfe betrifft die psychische Folter einer der Töchter: Laut Staatsanwaltschaft soll der Angeklagte dem Mädchen eingeredet haben, dass es bald sterben müsse. Daraufhin sollte sie ihre eigene Beerdigung planen – inklusive der Auswahl eines Sargs und eines Grabes auf einem Bremer Friedhof. Zudem soll er ihr unter dem Vorwand einer vermeintlichen Krankheit Medikamente verabreicht und Kochsalzlösung gespritzt haben, teilweise sogar in den Kopf.

Die Verteidigerin ging auf diesen konkreten Vorwurf nicht ein, erklärte aber, ihr Mandant habe seiner damaligen Partnerin Spritzen verabreicht. Diese habe ihn jedoch selbst wegen Rückenschmerzen darum gebeten. Als gelernter Sanitäter sei er dabei fachgerecht vorgegangen.

Überforderung und psychische Probleme als Erklärung

Der Angeklagte selbst sieht die Vorwürfe in einem anderen Licht. Über seine Verteidigerin ließ er mitteilen, er sei mit der Erziehung der Kinder überfordert gewesen und habe sich nicht anders zu helfen gewusst. Beide Mädchen seien „sehr anstrengend“ gewesen, die ältere Tochter leide an ADHS. „Das Zusammenleben war sehr aufreibend“, so die Anwältin.

Der 45-Jährige leidet nach eigenen Angaben seit Jahren unter schweren Depressionen, Panikattacken und Psychosen. Er höre Stimmen, die ihm Anweisungen geben würden. „Die Erinnerung ist auch teilweise verschwommen“, erklärte seine Verteidigerin. Auf viele konkrete Vorwürfe – wie die erfundenen tödlichen Krankheiten oder Essensvorgaben – könne sich ihr Mandant nicht erinnern.

Aktuelle Ehefrau als Entlastungszeugin

Vor Gericht sagte auch die aktuelle Ehefrau des Angeklagten aus, mit der er seit 2021 verheiratet ist. Die 53-Jährige erklärte, sie könne sich die schweren Vorwürfe nicht vorstellen. Im Umgang mit ihren eigenen Kindern aus einer früheren Beziehung verhalte er sich völlig anders: „Die Kinder lieben ihn. Er ist für sie da.“ Über seine Ex-Partnerin und deren Töchter habe er kaum gesprochen, sie gehe davon aus, dass es ihnen gut gegangen sei.

Die Verteidigerin betonte die Reue ihres Mandanten: „Er bedauert es sehr.“ Der Angeklagte biete den beiden Mädchen jeweils 1.500 Euro Schmerzensgeld an, das er in monatlichen Raten zahlen möchte.

Ausblick auf das Verfahren

Der Angeklagte lebt weiterhin bei seiner neuen Familie, da das Gericht keine Haftgründe wie Fluchtgefahr sieht. Ihm droht bei einer Verurteilung eine Haftstrafe von mindestens fünf Jahren. Im Prozess sind noch vier weitere Verhandlungstermine geplant, ein Urteil könnte Anfang März fallen. Der Fall zeigt erschreckend, wie psychische Gewalt und Manipulation über Jahre hinweg eine Familie zerstören können.

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