Stasi-Haft: Manfred Rohr erinnert sich an 43 Jahre alte Inhaftierung
Stasi-Haft: Manfred Rohrs Erinnerungen

Manfred Rohr hat mit diesem Kapitel in seinem Leben eigentlich abgeschlossen. Hätte ihn nicht seine Frau auf die Saisoneröffnung der Erinnerungsstätte in der Töpferstraße aufmerksam gemacht, wäre er wohl nicht hierhergekommen. Manfred Rohr gehört zu den 3000 Menschen, die in der Stasi-Untersuchungshaftanstalt Neustrelitz zwischen 1953 und 1987 einsaßen.

Klärung eines Sachverhalts

Nach dem Mauerfall war Manfred Rohr in die DDR zurückgekehrt, die er 1986 verlassen hatte. „Mein Ausreiseantrag wird wohl der Grund gewesen sein, warum die Herren von der Stasi bei mir vor der Wohnungstür standen und mich zur Klärung eines Sachverhalts mitnahmen“, berichtet er. Das war Pfingsten 1983, Manfred Rohr hatte gerade seinen 25. Geburtstag gefeiert und die Stadt Neustrelitz ihr 250. Jubiläum. Aus der „Klärung eines Sachverhalts“ wurden Wochen und Monate in einer Einzelzelle – ohne Kontakt zur Außenwelt, ja nicht einmal zu den Mitgefangenen. „Die einzigen Gespräche waren die mit meinem Vernehmer“, erinnert sich Manfred Rohr.

Verurteilung und Haft blieben ihm erspart

Zusammen mit seiner Ehefrau lässt er sich von Guido Adam, ehrenamtlicher Ausstellungsbetreuer, durch die Räume führen, die er selbst aus eigenem Erleben nur allzu gut kennt. 1992 war er schon einmal an den Ort seiner Untersuchungshaft zurückgekehrt. „Der Stasi-Knast stand leer und gehörte zur Polizei“, sagt er. Bis heute weiß Manfred Rohr nicht, was die Staatssicherheit ihm genau anhängen wollte. Denn im Gegensatz zu den vielen anderen Untersuchungshäftlingen blieben ihm eine Verurteilung und das Gefängnis erspart.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

„Meine Mutter lebte im Westen und hatte einen Anwalt eingeschaltet, der mich heraus geboxt hat“, erzählt er. Drei Jahre später wurde sein Ausreiseantrag bewilligt. Noch heute reagiert er empfindlich auf Gegenlicht. „Im Verhör waren die Lampen direkt auf mich gerichtet, sodass ich das Gesicht meines Vernehmers nicht sehen konnte“, sagt er. Dass es immer derselbe war, erkannte er an der Stimme. Republikflucht und Devisenhandel wollte er ihm nachweisen. „Dass ich aus der DDR herauswollte, war durch meinen Antrag kein Geheimnis. Und Devisen habe nicht nur ich heimlich eingetauscht. Das war gängige Praxis“, sagt er.

Er wollte mehr von der Welt sehen

Politik interessierte den damals 25-Jährigen nicht. Er wollte einfach mehr von der Welt sehen und sich von seiner Arbeit mehr und anderes leisten können, als das, was die DDR zu bieten hatte. Für diesen Wunsch monatelang eingesperrt zu werden – das gehörte auch zum DDR-System. „Das sollte man nicht vergessen“, sagt er.

Genau dafür setzen sich Guido Adam und seine Mitstreiter im Verein „Erinnerungsort Stasi-Haftanstalt Töpferstraße Neustrelitz“ seit nunmehr 15 Jahren ein. Denn das Gefängnisgebäude war als Ort des Unrechts in Vergessenheit geraten. Dank der Arbeit des Vereins entstand eine Dauerausstellung, die Fotos und Dokumente zeigt und in der Zeitzeugen zu Wort kommen. „Im Jahr kommen zwischen 1000 und 1500 Besucher“, sagt Julia Reichheim, Leiterin der Erinnerungsstätte in der Töpferstraße.

Regelmäßig besuchen Schulklassen den Erinnerungsort. Auf diesem Weg hat auch Charlotte Stelter die Gedenkstätte kennengelernt. Die Schülerin am Gymnasium Carolinum übernimmt in dieser Saison erneut ehrenamtlich Ausstellungsdienste. „Mich interessiert dieses Thema. Für uns ist heute vieles so selbstverständlich, dass wir Gefahr laufen, den Wert der Freiheit zu unterschätzen“, sagt sie.

In der ehemaligen Stasi-Haftanstalt zeigt der Verein in dieser Saison eine Sonderausstellung mit dem Titel „Lebenslänglich Heimkind – Umerziehung im Durchgangsheim Bad Freienwalde“. Die Gedenkstätte in der Töpferstraße ist donnerstags von 16 bis 19 Uhr und samstags von 13 bis 17 Uhr geöffnet.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration