Trauer um Altbischof Joachim Wanke: Ein Leben für die Kirche in Ostdeutschland
Der emeritierte Bischof von Erfurt, Joachim Wanke, ist im Alter von 84 Jahren verstorben. Wie das Bistum Erfurt mitteilte, starb der frühere Oberhirte am Morgen im Katholischen Krankenhaus der Stadt, wo er zuletzt auf der Palliativstation versorgt worden war. Wanke galt als eine der prägendsten Gestalten der katholischen Kirche in der DDR und den ostdeutschen Bundesländern.
Wegbereiter und Brückenbauer in schwierigen Zeiten
Der aktuelle Bischof von Erfurt, Ulrich Neymeyr, würdigte seinen Vorgänger als bedeutenden Bischof und Theologen, dessen Impulse weit über die Grenzen Thüringens hinausreichten. „Von ihm gingen wegweisende und ermutigende Impulse nicht nur für das Leben der katholischen Kirche in der Diaspora Ostdeutschlands aus, sondern auch für die gesamte katholische Kirche in Deutschland“, erklärte Neymeyr in einer ersten Stellungnahme.
Besonders hervorzuheben sei Wankes Einsatz bei den gesellschaftlichen und kirchlichen Herausforderungen, die die Friedliche Revolution von 1989 und die anschließende Wiedervereinigung Deutschlands mit sich brachten. Auch nach seinem Ruhestand im Jahr 2012 habe Wanke das Bistum und die deutsche Kirche immer wieder mit seinen Gedanken und Perspektiven bereichert.
Vom Flüchtlingskind zum Bischof: Eine bewegte Biografie
Joachim Wanke wurde am 4. Mai 1941 in Breslau geboren und erlebte als Kind die Vertreibung seiner Familie aus Schlesien nach dem Zweiten Weltkrieg. In Ilmenau fand die Familie schließlich eine neue Heimat, wo Wanke aufwuchs und seine prägenden Jahre verbrachte. Nach seiner Priesterweihe im Jahr 1966 begann er seine geistliche Laufbahn im Eichsfeld in Nordthüringen – einer katholischen Insel in der ansonsten weitgehend atheistischen DDR.
Sein Werdegang war von akademischer Exzellenz geprägt:
- Theologiestudium mit anschließender Promotion und Habilitation
- Lehrtätigkeit am Philosophisch-Theologischen Seminar in Erfurt
- Bischofsweihe im Jahr 1980
- Leitung des Bischöflichen Amtes Erfurt-Meiningen ab 1981 als Apostolischer Administrator
Erst nach der Wende wurde das Bistum Erfurt im Jahr 1994 wiedergegründet, und Papst Johannes Paul II. ernannte Wanke am 8. Juli desselben Jahres zum ersten Bischof des neu geschaffenen Bistums.
Ökumenischer Brückenbauer und kritischer Geist
Wankes Amtszeit war geprägt von seinem Engagement für die Ökumene und seinen Bemühungen, Brücken zwischen den Konfessionen zu schlagen. In der DDR hatte er die Bedeutung der ökumenischen Zusammenarbeit unmittelbar erfahren und verstand sich zeitlebens als Vermittler zwischen den christlichen Konfessionen sowie als Brückenbauer zur nicht kirchlich geprägten Mehrheit in Thüringen.
„Intolerante Christen sind für mich ungläubige Christen“, lautete eines seiner prägnanten Statements, das sein theologisches und menschliches Verständnis charakterisierte. Für sein ökumenisches Engagement wurde Wanke im Jahr 2013 mit dem Ökumenischen Preis der Katholischen Akademie Bayern ausgezeichnet. Auch der Dialog mit der jüdischen Gemeinde in Thüringen lag ihm stets besonders am Herzen.
Höhepunkte und Herausforderungen einer bewegten Amtszeit
Zu den herausragenden Momenten seiner Amtszeit zählte zweifellos der Besuch von Papst Benedikt XVI. im September 2011 im Bistum Erfurt. Bei den Messen in Eichsfeld und Erfurt kamen zehntausende Gläubige zusammen – allein am Gottesdienst im Erfurter Dom nahmen damals 28.000 Menschen teil. Wanke begrüßte dabei ausdrücklich auch die evangelischen Christen, die zu den Feierlichkeiten gekommen waren.
Auch schwierige Themen ging Wanke nicht aus dem Weg. Im Umgang mit Missbrauchsvorwürfen gegen einen Priester während seiner Amtszeit räumte er im Jahr 2018 rückblickend Fehler ein: „Ich wünschte mir, den Vorwürfen wäre damals genauso sorgfältig nachgegangen worden, wie es heute geschieht. Das habe ich zu verantworten“, ließ er über das Bistum mitteilen.
Ein Leben im Dienst der Kirche
Gesundheitliche Probleme, insbesondere eine Herzkrankheit, führten schließlich dazu, dass Wanke im Jahr 2012 sein Rücktrittsgesuch bei Papst Benedikt XVI. einreichte. Zwei Jahre später, im Jahr 2014, wurde Ulrich Neymeyr zu seinem Nachfolger ernannt. Bis zuletzt blieb Wanke jedoch geistig präsent und engagiert – noch im April 2025 hatte er am Requiem für den verstorbenen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel im Erfurter Dom teilgenommen.
Joachim Wanke hinterlässt als erster Bischof des wiedergegründeten Bistums Erfurt ein bleibendes Erbe. In einer Region, in der Katholiken mit etwa zehn Prozent der Bevölkerung eine Minderheit darstellen und dieser Anteil weiter schrumpft, setzte er sich unermüdlich für den Dialog und das Zusammenleben der Konfessionen ein. Sein Tod markiert das Ende einer Ära für die katholische Kirche in Thüringen und Ostdeutschland.



