Franziskaner-Studie enthüllt jahrzehntelange Vertuschung sexuellen Missbrauchs
Eine unabhängige Studie zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der Deutschen Franziskanerprovinz legt ein erschütterndes Ausmaß jahrzehntelanger Vertuschung offen. Die Untersuchung des Instituts für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) dokumentiert, dass sexualisierte Gewalt innerhalb des Ordens bis in die 2010er Jahre hinein systematisch verleugnet oder nur unter äußerem Druck zugegeben wurde.
Systematisches Versagen und fehlende Aufarbeitung
Die Forscher kommen zu dem vernichtenden Urteil, dass eine konsequente Auseinandersetzung mit den Tätern sowie lokale Aufarbeitungsinitiativen bis heute fehlen. "Eine konsequente Auseinandersetzung mit den Tätern sowie lokale Aufarbeitungsinitiativen fehlen nach wie vor", lautet eines der zentralen Studienergebnisse. Die Wissenschaftler rechnen bei der nun folgenden Aufarbeitung der Vergangenheit mit erheblichen Widerständen aus den Reihen der Ordensbrüder.
Mehr als zwei Jahre lang hatte das IPP rund 60 Betroffene, Franziskaner und Zeitzeugen interviewt sowie umfangreiches Archivmaterial ausgewertet. Dabei wurden über hundert Betroffene ermittelt – zu drei Vierteln männlich – und insgesamt 98 namentlich bekannte Tatverdächtige identifiziert, von denen die meisten inzwischen verstorben sind.
Dunkelfeld vermutlich deutlich größer
Studienautor Peter Caspari warnte: "Wir haben Hinweise darauf, dass das Dunkelfeld ein Vielfaches höher ist." Die dokumentierten Fälle umfassen schwere sexuelle Gewalttaten, bei denen Kinder oft über mehrere Jahre hinweg missbraucht wurden. Die Mehrheit der Betroffenen war laut Studie zwischen zehn und 15 Jahre alt.
Neben Übergriffen in Gemeinden mit eingesetzten Franziskanerbrüdern bildeten Schulen und Internate einen besonderen Schwerpunkt der Missbrauchsfälle. Besonders viele Betroffene meldeten sich aus dem Gymnasium und Internat Vossenack in Hürtgenwald in der Eifel. In solchen Einrichtungen hätten sich die Täter gezielt Räume geschaffen, in denen sie ungestörten Zugriff auf Kinder hatten – beispielsweise in Präfektenzimmern in unmittelbarer Nähe zu den Schlafsälen.
Kultur des Wegsehens und Schweigens
Peter Caspari betonte: "Es ist kein Fall bekannt, in dem ein Mitbruder sexuellen Missbrauch aufdeckte." Bis 2011 hätten sich Ordensverantwortliche in keiner Weise für das Schicksal der Betroffenen interessiert. Bis 2010 sei auch kein einziges Strafverfahren oder eine kirchenrechtliche Sanktion gegen einen Täter proaktiv veranlasst worden. Der gesamte Prozess der Aufarbeitung habe "viel zu spät" begonnen.
Zwei Betroffene, ehemalige Schüler des Internats Vossenack, sprachen von einer längst überfälligen Aufarbeitung erlittenen Leids und prangerten "Verschleppung und viele Jahre Vertuschungspraxis" an. Der ehemalige Vossenack-Schüler Peter Krosch erklärte: "Das zweite Verbrechen neben den verübten Taten ist das Wegducken derjenigen, die wussten, was passiert ist. Die Übergriffe waren immer Thema unter uns Jungs."
Spezifische Formen spirituellen Missbrauchs
Die Studie beschreibt als spezifische, pathologische Variante spirituellen Missbrauchs "intensive Verhöre präpubertärer Jungen zu ihrer Sexualität". Aber auch junge Frauen, die sich in der Kirche engagieren wollten, seien manipuliert und in sexuelle Beziehungen verwickelt worden. Die damit verbundene Scham habe Betroffene teilweise ihr gesamtes Leben lang in ihren Paarbeziehungen beeinträchtigt.
Reaktion des Ordens und Zukunftsaussichten
Markus Fuhrmann, Leiter der Deutschen Franziskanerprovinz, die die Studie beauftragt hatte, bekannte sich im Namen der Institution zur Schuld innerhalb der Ordensgemeinschaft. Er bat Betroffene um Vergebung für die "entsetzlichen Taten" sowie für das Wegsehen und Nichthandeln der Verantwortlichen.
Der Orden kündigte an, die interne Aufarbeitung weiter voranzutreiben, bestehende Schutzkonzepte zu verbessern und eine Kultur zu fördern, die Betroffene hört und schützt. Die Deutsche Franziskanerprovinz zählt nach eigenen Angaben derzeit noch 180 Mitglieder.
Die Studie markiert einen wichtigen Schritt in der Aufarbeitung kirchlichen Missbrauchs, macht jedoch auch deutlich, wie viel Arbeit noch vor der Deutschen Franziskanerprovinz liegt, um Gerechtigkeit für die Betroffenen zu schaffen und Vertrauen zurückzugewinnen.



