Nordkirche im Kampf um Glaubwürdigkeit: Historische Aufarbeitung beginnt
Die evangelisch-lutherische Kirche in Norddeutschland, bekannt als Nordkirche, befindet sich in einer existenziellen Krise. Dabei geht es weniger um finanzielle Schwierigkeiten, sondern vielmehr um einen tiefgreifenden Verlust an Glaubwürdigkeit, gesellschaftlicher Relevanz und öffentlicher Anerkennung. Für diese Vertrauenskrise macht die Nordkirche vor allem eigenes institutionelles Versagen verantwortlich – insbesondere das ihrer Vorgängerorganisationen.
Strukturelles Versagen und seine Opfer
Tilman Jeremias, Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern, erläutert den nun eingeleiteten Prozess der historischen Aufarbeitung. „Wir müssen die Strukturen erkennen, die ein derartiges institutionelles Versagen ermöglicht haben“, betont Jeremias. Besonders im Fokus steht dabei das Leitungshandeln der ehemaligen Mecklenburgischen Landeskirche, die von 1934 bis 2012 existierte und heute als Kirchenkreis Mecklenburg Teil der Nordkirche ist.
Die damalige Landeskirche zeigte sich im Umgang mit ihren Mitarbeitern als äußerst unflexibel und hart:
- Alleinerziehende Pastorinnen wurden systematisch benachteiligt
- Homosexuelle Pastoren waren unerwünscht
- Unverheiratete Paare im Pfarrhaus wurden nicht toleriert
„Dort, wo Mitarbeiter Unterstützung gebraucht hätten, wurden sie fallen gelassen“, macht Bischof Jeremias deutlich. Er hat sich stellvertretend als Mitglied der heutigen Kirchenleitung bei den Opfern dieses Leitungshandelns entschuldigt.
Konkrete Folgen für Betroffene
Die diskriminierenden Praktiken hatten schwerwiegende persönliche und berufliche Konsequenzen:
- Junge Theologinnen verloren ihr Vikariat, weil sie sich in geschiedene Männer verliebt hatten
- Theologen erhielten keine Gemeinde, weil sie nicht verheiratet waren
- Viele konnten letztlich nicht als Pastoren arbeiten oder wurden nur in Teilzeit beschäftigt
- Dies führte zu deutlich geringerer Altersabsicherung für die Betroffenen
„Es ging nahezu zwanghaft darum, die Pastorinnen und Pastoren nicht als normale Menschen, sondern als unfehlbar darzustellen“, analysiert Jeremias. Dieses Verhalten habe bei vielen Betroffenen tiefe Traumata hinterlassen.
Widerspruch zu christlichen Werten
Besonders tragisch ist, dass dieses institutionelle Handeln den grundlegenden christlichen Werten diametral entgegenstand. „Ein solches Verhalten widerspricht den Werten, für die wir als Christen eigentlich einstehen wollen, also Toleranz, Mitmenschlichkeit und Vertrauen“, stellt der Bischof klar.
Diese diskriminierenden Strukturen setzten sich nicht nur im Umgang mit hauptamtlichen Mitarbeitern fort, sondern beeinflussten auch die Arbeit mit Ehrenamtlichen und einfachen Gemeindemitgliedern. Führungskräfte nutzten ihre Machtpositionen oft nicht zur Förderung engagierter Kräfte, sondern zur Diskriminierung und Abwertung aufgrund angeblicher moralischer Verfehlungen.
Versöhnungsgottesdienst als erster Schritt
Ende Januar fand in Güstrow ein besonderer Versöhnungsgottesdienst statt, der sich speziell mit dem Leitungshandeln der Mecklenburgischen Landeskirche befasste. Doch dieser Gottesdienst markiert lediglich den Beginn eines umfassenderen und schmerzhaften Prozesses.
Weitere Untersuchungen laufen zu:
- Vorfällen sexualisierter Gewalt innerhalb der Kirche
- Dem Verhalten der Kirche während der DDR-Zeit
- Struktureller Gewalt und Machtmissbrauch
Gemischte Reaktionen der Betroffenen
Die Reaktionen auf den Aufarbeitungsprozess fallen unterschiedlich aus. Während einige Betroffene wie Henning Utpatel den Prozess als abgeschlossen betrachten und keine weiteren Gespräche wünschen, zeigen sich andere enttäuscht.
Eine Leserin berichtet: „Meine gesamte Familie hat erst unter der DDR-Führung und danach unter dem Verhalten der Landeskirche gelitten. Zwei meiner Geschwister haben Theologie studiert, durften aber nie in Mecklenburg arbeiten, weil ihre Partner geschieden waren.“
Sie begrüßt zwar die Entschuldigung des Bischofs, hat jedoch nur begrenztes Vertrauen in die Institution: „Wenn es der Kirche wirklich gelingt, aus ihrer Geschichte zu lernen und strukturelle Probleme wirklich anzugehen, würde das der gesamten Institution einen Auftrieb geben.“
Der Weg der Nordkirche zurück zu Glaubwürdigkeit und gesellschaftlicher Akzeptanz wird lang und beschwerlich sein. Die Aufarbeitung der eigenen Geschichte ist dabei nicht nur eine moralische Verpflichtung, sondern eine existenzielle Notwendigkeit für eine Institution, die um ihre Relevanz in der modernen Gesellschaft ringt.



