50 Jahre Nachbarschaft: Ureinwohner der Anklamer Südstadt halten bis heute zusammen
50 Jahre Nachbarschaft: Anklamer Südstadt-Ureinwohner halten zusammen

50 Jahre Nachbarschaft: Ureinwohner der Anklamer Südstadt halten bis heute zusammen

Sie sind die letzten ihrer Art – die Bewohner der Stockholmer Straße 13 in der Anklamer Südstadt. Seit mehr als fünf Jahrzehnten wohnt ein Großteil von ihnen unter einem Dach, denn die Familien Schumacher, Sauer und Wielandt haben bereits als Erstmieter in den 1970er Jahren ihre Wohnungen in den damals neu entstandenen Plattenbauten bezogen, in denen sie bis heute leben. Man kann sie gut und gerne als Ureinwohner des Stadtteils bezeichnen, der zu DDR-Zeiten am südlichen Rande der Peenestadt aus dem Boden gestampft wurde.

Einzug in die „Neubauten“ kurz vor Weihnachten 1975

Kurz vor dem Weihnachtsfest 1975 war es so weit: Die Familien konnten in die „Neubauten“, wie viele die Mehrgeschosser bis heute noch nennen, einziehen. Die Wohnungen waren damals „top modern“, erinnert sich Hans-Joachim Sauer, „richtiger Luxus“. Heizung, Badezimmer, Warmwasser, Balkon – der 79-Jährige zählt die Vorteile auf, mit denen damals keine Altbauwohnung in der Stadt oder auch die Häuser auf dem Land mithalten konnten.

Nur das Drumherum sei zum Einzug noch sehr karg gewesen. „Es gab noch kein Grün, keinen Baum“, blickt Ingetraud Sauer zurück. Die 76-Jährige stammt aus Pinnow und war bis dahin natürlich ein idyllischeres Umfeld gewohnt. Doch die Südstadt entwickelte sich rasch: Gehwege und Straßen wurden gebaut, eine Schule und Kindergärten entstanden. Es gab die HO-Kaufhalle, Kneipen, das Restaurant „Stadt Anklam“ und sogar eine Nachtbar.

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Gewöhnungsbedürftiger Umzug und wachsende Gemeinschaft

Auch für Anita Schumacher war der Umzug in die Platte erst einmal gewöhnungsbedürftig. Sie hatte zuvor mit ihrem Mann, der in Brenkenhof-Ausbau groß geworden war, ein Zimmer im Hause ihrer Eltern in Krien bewohnt. Da war die neue Familienwohnung in der Stadt schon eine ziemliche Umstellung. „Es sah hier anfangs furchtbar aus“, sagt sie. Doch die Vorteile überwogen: Man hatte alles vor der Haustür, die Kinder wuchsen gemeinsam auf, und die Hausgemeinschaft hält seitdem zusammen.

Bis heute erinnert die Kastanie vor der Haustür an die Geburt ihres zweiten Sohnes Mathias. Ihr Mann hatte den Baum 1980 eingepflanzt. Waltraud Paape war mit ihrer Familie aus der „alten“ Südstadt in die Stockholmer Straße gezogen. Die neue Wohnung bot mehr Platz und einen Balkon, zählt sie die Vorteile auf, die sie bis heute genießt. Noch immer könnte man in der Südstadt, die seit Kurzem Hanseviertel genannt wird, vieles fußläufig erledigen.

Nachbarschaftshilfe und gemeinsame Traditionen

Nachbarschaftshilfe wird hier ganz großgeschrieben: Man teilt sich die Zeitung, die jüngeren Männer tragen auch schon mal die schweren Einkäufe und Wasserkisten der Älteren hoch, und man hilft sich im Alltag. Vor der Wende war die Hausgemeinschaft auch noch für die Gestaltung der Grünanlagen um den Block verantwortlich. Da wurde regelmäßig gemeinschaftlich bei Arbeitseinsätzen angepackt.

Aus dieser Zeit hält sich bei den Nachbarn die Tradition, dass sie einmal im Jahr gemeinsam essen gehen. Nur in der Corona-Zeit hätten sie pausiert. Auch die neueren Bewohner sind da dabei, wie zum Beispiel Petra Wielandt, die inzwischen aber auch schon über 25 Jahre in der „Stockholmer 13“ lebt.

„Sorgloses Wohnen“ und die Herausforderung ohne Fahrstuhl

Für Hans-Joachim Sauer stand schon beim Einzug fest, dass er hier alt werden will. Viele hätten in den 90er Jahren ein Haus gebaut oder seien ins Umland gezogen. Das kam für die Sauers nicht infrage. Sie genießen das „sorglose Wohnen“ bei der Anklamer Wohnungsgenossenschaft (AWG). Wenn etwas klemmt, kann man dort anrufen. Ihr Aufgang sei auch schon saniert worden, außerdem schaue die Genossenschaft genau, wer in freigewordene Wohnungen einziehe.

„Das hat alles dazu beigetragen, dass wir uns bis heute hier wohlfühlen“, erklärt er. Erst wenn er es gar nicht mehr bis in seine Wohnung im dritten Stock schaffe, würde er wohl ausziehen müssen. Denn einen Fahrstuhl hat der Block nicht. „Das ist unser Sport“, sieht Ingetraud Sauer das Treppensteigen bislang noch pragmatisch. Auch die anderen Mieter wollen der Stockholmer treu bleiben, solange es geht.

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Besondere Hausgemeinschaft als Vorbild für Generationen

Auch für AWG-Chef Falko Jonas ist diese Hausgemeinschaft eine ganz besondere und das beste Beispiel dafür, das Wohnumfeld in der Südstadt für alle Generationen zu gestalten. Einen Fahrstuhl werde er zwar nicht an ihr Haus zaubern können, räumt er ein. Dafür sei der Genossenschaft insgesamt sehr daran gelegen, seniorengerechten Wohnraum anbieten zu können und insbesondere auch über die Angebote des Kulturbeirates der AWG Angebote für Ausflüge, Veranstaltungen und Gemeinschaft zu schaffen.