Fünf neue Stolpersteine in Hagenow halten die Erinnerung wach
In der Langen Straße 45 in Hagenow sind fünf neue Stolpersteine in den Fußweg eingelassen worden. Diese kleinen, aber bedeutungsvollen Gedenksteine erinnern an das Schicksal der Familie Hirsch, die zu den letzten jüdischen Familien der Stadt gehörte. Die Verlegung markiert einen wichtigen Moment für die lokale Erinnerungskultur.
Die Geschichte von Siegfried Hirsch und seiner Familie
Siegfried Hirsch war der letzte jüdische Einwohner von Hagenow. Nach seinem Dienst im Ersten Weltkrieg übernahm er das Geschäft seines Bruders. In diesem Haus lernte er Johanna Laudan kennen, eine Nicht-Jüdin, die später seine Ehefrau wurde. Das Paar bekam zwei Kinder, doch der Sohn Otto verstarb bereits 1932 im Alter von 24 Jahren an Tuberkulose.
Obwohl die Ehe mit einer Nicht-Jüdin Siegfried Hirsch und die gemeinsame Tochter Margarete vor der Deportation bewahrte, blieben sie nicht von Verfolgung verschont. Der ehemalige Museumsdirektor Henry Gawlick betonte: „Die Ehe mit ihr bewahrte ihn und die gemeinsame Tochter Margarete vor der Deportation, nicht aber vor der ab 1933 allgegenwärtigen Demütigung und Verfolgung jüdischer Bürger.“ Trotz seines Engagements als Gemeinderatsmitglied wurde Siegfried Hirsch in der Pogromnacht nach Neustrelitz verschleppt und dort drei Wochen interniert.
Weitere Schicksalsschläge und das Fortleben der Erinnerung
1939 musste Siegfried Hirsch sein Geschäft aufgeben und miterleben, wie seine Geschwister in die USA auswanderten oder nach Auschwitz deportiert wurden. Seine Tochter Margarete durfte aufgrund der Nürnberger Rassegesetze ihren Verlobten nicht heiraten, doch dieser erkannte die Vaterschaft für die gemeinsamen Kinder Erika und Dieter an. Auch diese beiden Enkelkinder sind auf den neuen Stolpersteinen verewigt.
Die aktuelle Verlegung der Stolpersteine wurde durch den Förderverein Alte Synagoge Hagenow und Nachfahren weiterer jüdischer Familien ermöglicht. In Zusammenarbeit mit dem Museum für Alltagskultur in der Griesen Gegend und der dazugehörigen Alten Synagoge setzen sich diese Akteure dafür ein, mithilfe von Stolpersteinen an die jüdischen Mitbürger zu erinnern.
Schülerprojekt erforscht und dokumentiert Lebensgeschichten
Das Schicksal der letzten vier jüdischen Familien Meinungen, Sommerfeld, Davidsohn und Hirsch wurde von Schülern des Robert-Stock-Gymnasiums erforscht. Die Jugendlichen nahmen gemeinsam mit den Nachfahren der Familien an der Zeremonie zur Verlegung der Stolpersteine teil. Monika Sommerfeld dankte stellvertretend für die Familien allen Beteiligten: „Ich danke allen, die diesen Moment begleitet und unseren Vorfahren dadurch ein ehrendes Gedenken ermöglicht haben.“
Besonders wandte sie sich an die Jugendlichen, die im Rahmen ihrer Forschung an der Entwicklung einer Stolperstein-App beteiligt waren. In dieser App sollen alle Lebensgeschichten derjenigen abrufbar sein, an die mit einem Stolperstein erinnert wird. Museumsdirektor Thomas Kühn zeigte sich erfreut über die Verlegung: „Dadurch ist nun auch das Schicksal der Familie Hirsch dokumentiert und ihr Andenken in das städtische Bewusstsein geholt worden.“
Die fünf neuen Stolpersteine wurden von Mitarbeitern des Bauhofs Hagenow verlegt und dienen als ständige Mahnmale gegen das Vergessen. Sie erzählen nicht nur von Verfolgung und Leid, sondern auch von Mut, Widerstand und dem Überleben einer Familie unter schwierigsten Bedingungen.



