Spritpreis-Explosion ohne spürbare Auswirkungen auf Autoverkehr
Die Preise an deutschen Tankstellen haben durch den Iran-Krieg ein Rekordniveau erreicht, doch die deutschen Autofahrer lassen sich davon offenbar nicht beeindrucken. Eine aktuelle Analyse des Verkehrsdatenspezialisten TomTom zeigt ein überraschendes Bild: Trotz der massiven Verteuerung von Benzin und Diesel wurde in den vergangenen Wochen sogar etwas mehr gefahren als in Vergleichszeiträumen mit niedrigeren Preisen.
Verkehrsdaten widerlegen erwartete Verhaltensänderung
„Unsere Daten liefern keinen Hinweis darauf, dass die Fahrleistung in der Hochpreisphase spürbar zurückgegangen ist“, erklärt ein TomTom-Sprecher. „Stattdessen lag sie in den betrachteten Zeiträumen tendenziell höher.“ Die Auswertung basiert auf anonymisierten Daten von mehreren Millionen Fahrzeugen und deckt den Zeitraum von Ende Februar bis Mitte März 2026 ab.
Besonders auffällig: An den Tagen des 5., 9. und 10. März, als die Spritpreise bereits deutlich höher lagen, übertraf das Fahraufkommen das Niveau vom 26. Februar sowie dem 2. und 3. März um einige Prozentpunkte. Zu diesem Zeitpunkt war das Tanken noch wesentlich günstiger. Der massive Preisschock reicht demnach nicht aus, um Autofahrer zum Umdenken zu bewegen.
Historische Parallelen zum Ukraine-Krieg
Diese Beobachtung passt zu früheren Erfahrungen. Bereits kurz nach Beginn des Ukraine-Krieges, als die Spritpreise ebenfalls dramatisch stiegen, zeigte eine Untersuchung kein verändertes Fahrverhalten auf deutschen Autobahnen. Selbst die gefahrenen Geschwindigkeiten blieben damals nahezu unverändert, obwohl langsameres Fahren erheblich Kraftstoff sparen würde.
Experten vermuten, dass die aktuelle leichte Zunahme der Fahrleistungen mit der typischen saisonalen Belebung der Mobilität im Frühjahr zusammenhängen könnte. „Falls die höheren Spritpreise überhaupt einen kleinen dämpfenden Effekt hatten, ist er in den Daten jedenfalls nicht erkennbar“, so der TomTom-Sprecher weiter.
Deutsche Bahn profitiert im Fernverkehr
Ganz ohne positive Effekte für alternative Verkehrsmittel bleiben die hohen Spritpreise jedoch nicht. Die Deutsche Bahn verzeichnet im Fernverkehr deutlich erhöhte Buchungszahlen. „Auch wenn die Nachfrage tageweise stark schwankt, stellen wir fest, dass die Buchungen in den letzten Tagen deutlich über den bisherigen Prognosen liegen“, teilt der bundeseigene Konzern mit.
An einzelnen Tagen lagen die Buchungen sogar bis zu zehn Prozent über dem Vorjahresniveau. Im Regionalverkehr sei die Entwicklung dagegen schwerer zu messen, da dort der Wettbewerb mit anderen Verkehrsunternehmen auf der Schiene deutlich größer sei als im Fernverkehr. Auch der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) betont, dass für eine bundesweite Einschätzung noch zu früh sei.
Carsharing ohne klaren Nachfrageschub
Beim Carsharing zeigt sich bislang kein eindeutiger Trend. Der Berliner Anbieter Miles registriert keinen klaren Nachfrage-Schub aufgrund der gestiegenen Spritpreise. Trotzdem hält das Unternehmen einen solchen Effekt für grundsätzlich denkbar: „Gerade in Zeiten, in denen der Unterhalt eines eigenen Pkw durch steigende Versicherungs-, Werkstatt- und Energiekosten zunehmend schwer kalkulierbar wird, sehen wir Carsharing als eine wirtschaftlich sinnvolle Alternative für viele Menschen in der Stadt.“
Die aktuelle Datenlage zeigt somit ein gespaltenes Bild: Während der Individualverkehr mit dem Auto trotz Rekordpreisen an den Tankstellen unvermindert weitergeht, profitieren zumindest Teile des öffentlichen Verkehrs von der Preisentwicklung. Ob sich dieses Verhalten langfristig ändern wird, bleibt abzuwarten.



