Mit 80 Jahren im Streik: Chef der ältesten Apotheke MV kämpft für die Branche
Als am Montag zahlreiche Apotheken in Deutschland ihre Türen für den Streik schlossen, war auch die historische Ratsapotheke in Güstrow beteiligt. Lediglich der Notfalldienst für die Region blieb aufrechterhalten. Der 80-jährige Inhaber Wolfgang Link steht voll und ganz hinter den Forderungen nach höheren Apotheker-Honoraren und besseren Arbeitsbedingungen.
Kostenexplosion bei stagnierenden Einnahmen
„Seit dreizehn Jahren ist bei den Apotheker-Honoraren nichts geschehen“, erklärt Wolfgang Link entschieden. „Währenddessen sind die Kosten überall explodiert: für Personal, Energie, moderne Geräte und die Instandhaltung unseres denkmalgeschützten Hauses am Markt. Selbst unser Botenauto ist bereits acht Jahre alt und muss ersetzt werden.“
Dieses wirtschaftliche Ungleichgewicht hat in den vergangenen Jahren bereits zur Schließung zahlreicher Apotheken geführt. Die Ratsapotheke Güstrow steht zwar noch, kämpft aber mit ähnlichen Problemen. Besonders der Personalmangel bereitet Link Sorgen: Eine langjährige Mitarbeiterin geht in den Ruhestand, doch Ersatz zu finden gestaltet sich äußerst schwierig.
Anspruchsvoller Beruf mit langen Arbeitszeiten
Der Apothekerberuf erfordert heute enorme Flexibilität und Einsatzbereitschaft. Bei regulären Öffnungszeiten von 8 bis 18 Uhr kommen schnell 50 Wochenstunden zusammen, dazu kommen Wochenend- und Nachtdienste. „Apotheker ist eher ein Frauenberuf geworden“, beobachtet Link. „Viele möchten in Teilzeit arbeiten, was die Personalplanung zusätzlich erschwert.“ Derzeit beschäftigt die Ratsapotheke acht Angestellte plus einen Kraftfahrer.
Die Konsequenz dieser Personalsituation ist bereits spürbar: Die Apotheke muss nun samstags schließen, was für viele Kunden eine Einschränkung bedeutet. „Es ist ein sehr anspruchsvoller Beruf mit intensivem Publikumsverkehr und großer Verantwortung“, betont der erfahrene Apotheker.
442 Jahre Tradition und moderne Herausforderungen
Die Ratsapotheke Güstrow blickt auf eine beeindruckende Geschichte zurück: 1555 gegründet, gilt sie als vermutlich älteste Apotheke Mecklenburg-Vorpommerns. Wolfgang Link selbst ist seit 1964 mit dem Betrieb verbunden, damals begann er hier sein Praktikum. Nach der Wende erwarb er die Apotheke von der Treuhand am 1. März 1991 – vor genau 35 Jahren.
Trotz seines stolzen Alters von 80 Jahren denkt Link bereits über die Übergabe des Betriebs nach. „Am liebsten ist mir nach wie vor der direkte Umgang mit den Patienten, die persönliche Beratung, das vertrauensvolle Gespräch“, erklärt er. „Ich bin zufrieden, wenn ich jeden so beraten kann, dass es ihm wirklich hilft. Ich habe mein Leben für diesen Beruf und die Patienten gelebt.“
Apotheke als Spiegel der Gesellschaft
In einer Apotheke zeigt sich besonders deutlich, was die Menschen und die Gesellschaft aktuell bewegt. „Wir sind oft der Kummerbriefkasten, bekommen hautnah mit, wie es den Menschen wirklich geht“, beschreibt Link seine Erfahrungen. Neben saisonalen Krankheiten wie Erkältungen erreichen ihn zunehmend auch psychische Belastungen durch Alltagsprobleme.
Auch der technologische Wandel stellt viele Kunden vor Herausforderungen. „Vor allem ältere Menschen kommen noch immer nicht mit den digitalen Rezepten auf der Krankenkassenkarte zurecht“, berichtet der Apotheker. „Sie haben sich an das Papierrezept gewöhnt und verstehen nicht, dass es heute genügt, beim Arzt anzurufen und direkt zur Apotheke zu kommen.“
Vom Apotheker zum Kaufmann
Die beruflichen Anforderungen haben sich über die Jahrzehnte dramatisch verändert. „Damals war vieles einfacher. Es gab nur zwei Krankenkassen, heute sind es 55. Die Buchhaltung, die früher zentral verwaltet wurde, müssen wir jetzt selbst erledigen“, erklärt Link. „Neben der pharmazeutischen Tätigkeit sind wir heute zum großen Teil auch Kaufleute geworden.“
Trotz aller Veränderungen und Herausforderungen bleibt für Wolfgang Link eines unverändert: „Oberstes Gebot ist und bleibt immer die gute Versorgung unserer Patienten. Dafür lohnt sich jeder Einsatz – auch der Streik für bessere Rahmenbedingungen.“ Die 442-jährige Tradition der Ratsapotheke Güstrow soll auch in Zukunft fortgesetzt werden, doch dafür braucht es nach Ansicht des erfahrenen Apothekers dringend politische Unterstützung und angemessene Honorare.



