Apotheken-Protest in Rostock: Existenzkampf und bundesweiter Aktionstag
Apotheken-Protest: Existenzkampf in Rostock

Apotheken-Protest in Rostock: Existenzkampf und bundesweiter Aktionstag

Am Montag, dem 23. März 2026, werden zahlreiche Apotheken in Mecklenburg-Vorpommern und bundesweit geschlossen bleiben. Dieser drastische Schritt markiert einen bundesweiten Aktionstag, organisiert von der ABDA (Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände). Für eine Berufsgruppe, die gesetzlich nicht streiken darf, stellt dies eine außergewöhnliche Protestmaßnahme dar.

„Wir schaffen das einfach nicht mehr“

Dr. Sandra Möller, Geschäftsführerin der Apotheke am Doberaner Platz in Rostock, beteiligt sich aktiv an den Protesten. Sie erklärt: „Die Politik muss endlich merken, wie kritisch die Lage ist.“ Hintergrund ist das im Koalitionsvertrag zwischen SPD und Union vereinbarte, aber noch nicht umgesetzte Apotheken-Reformgesetz. Möller betont, dass dieses Gesetz zwar nicht weit genug gehe und umstrittene Ansätze enthalte, aber ohne schnelles Handeln viele Apotheken im Land schließen müssten.

„Wir überprüfen Medikationen, rufen bei unklaren Rezepten Ärzte zurück und beraten, wenn Medikamente nicht zueinanderpassen. Das alles geht verloren, wenn es uns nicht mehr gibt“, warnt die Rostocker Apothekerin. Ihre Kollegin Antje Urban, Inhaberin der Adler-Apotheke in Rostock und Mitglied des Apothekerverbands MV, ergänzt: „Seit zwei Jahrzehnten gab es keine Honorarerhöhung für Apotheken.“ Gleichzeitig seien die Kosten um mehr als 65 Prozent gestiegen, während Online-Apotheken mit Dumpingpreisen und ohne Beratungsleistungen den Markt verdrängten.

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Gutachten: Massive Unterfinanzierung zugunsten der Krankenkassen

Ein zentraler Kritikpunkt ist das sogenannte Apothekenfixum, das pro abgegebener Packung gezahlt wird. Aktuell liegt dieses bei drei Prozent des Einkaufspreises verschreibungspflichtiger Medikamente plus 8,76 Euro pauschal. Von diesem Betrag ziehen die gesetzlichen Krankenkassen zusätzlich 1,77 Euro Abschlag ab.

Ein von der Freien Apothekerschaft beauftragtes Gutachten, veröffentlicht Anfang März 2026, kommt zu einem alarmierenden Ergebnis: Die Krankenkassen hätten zwischen 2004 und 2024 etwa 50 Milliarden Euro durch Abschlag und Nichterhöhung des Fixums „erspart“. Die Gutachter Andreas Kaapke und Nina Kleber-Herbel sprechen von einem „langfristigen Unterfinanzierungseffekt“, von dem die Kassen profitiert hätten.

Antje Urban erklärt: „Davon muss alles bezahlt werden: Mitarbeiter, Miete, Strom, Investitionen und Auflagen, wie die Kassenerneuerung alle fünf Jahre – da bleibt am Ende nicht viel übrig.“ Die im Koalitionsvertrag vorgesehene Erhöhung des Fixums auf 9,50 Euro sei bereits durch steigende Kosten, wie den neuen Mindestlohn ab 2027, aufgebraucht.

Leistungskürzungen und berufliche Unsicherheit

Das geplante Reformgesetz sieht zudem Leistungskürzungen vor, etwa die Möglichkeit, Apotheken ohne Labor zu betreiben oder dass Pharmazeutisch-Technische Assistenten (PTA) zeitweise Apotheken ohne Apotheker führen dürfen. Sandra Möller hält diese Idee für ein „Desaster“, da sie bestehende Schwächen in der Versorgung verschärfe.

Johanna Thies, PTA in der Rostocker Apotheke am Brink, äußert Bedenken: „Klar, wir PTAs wissen viel und können auch beraten, aber mit der Tätigkeit eines Apothekers geht auch eine riesige Verantwortung einher.“ Sie betont, dass der Apothekerberuf ein Studium und mehrere Staatsexamen erfordere. Thies sorgt sich um ihren Job: „Wenn hier nicht endlich was passiert, dann habe ich bald keinen mehr.“

Während Thies und ihre Kolleginnen am Protesttag die Heimbelieferung aufrechterhalten, unterstützt sie das Anliegen vollständig. Der bundesweite Aktionstag soll die Dringlichkeit der Situation unterstreichen und politisches Handeln erzwingen, bevor weitere Apotheken schließen müssen.

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