Brüssel – Wer Fiebersaft für sein Kind, Schmerzmittel oder ein bestimmtes Krebsmedikament benötigt, hört in der Apotheke oft: „Das Medikament ist leider nicht verfügbar.“ Zwar gibt es mitunter Alternativen, doch diese sind nicht immer die erste Wahl. Die Europäische Union will solche Engpässe bei wichtigen Medikamenten mit mehreren Änderungen verhindern.
Mehr Produktion in Europa
Ein zentrales Ziel ist es, mehr kritische Arzneimittel in der EU herzustellen. Dadurch soll Europa weniger abhängig von einzelnen Lieferanten und der Produktion außerhalb des Kontinents werden. Auch in Deutschland kommt es immer wieder zu Arznei-Engpässen, etwa bei Schmerz- und Diabetesmitteln oder Antibiotika. Im Januar gab das Bundesgesundheitsministerium einen Versorgungsmangel bei bestimmten Antibiotika bekannt. Behörden können dadurch befristet ein leichteres Ausweichen auf importierte Produkte ermöglichen.
Bereits 2022 waren Paracetamol-Fiebersäfte für Kinder knapp. Danach lockerte die Politik Preisregeln für Kinderarzneien und schrieb größere Vorräte vor. Zumindest bei Kinderarzneien sank die Zahl der Engpässe daraufhin, wie eine im Dezember veröffentlichte Auswertung des Pharmaverbands Pro Generika zeigt.
Abhängigkeit von Asien
Ein grundlegendes Problem ist, dass viele Wirkstoffe für Europa im kostengünstigeren Asien produziert werden, vor allem in China und Indien. Fertigungsprobleme, Verunreinigungen oder Lieferprobleme, wie während der Corona-Pandemie, können so auch die Versorgung in Europa beeinträchtigen.
Um die Herstellung in Europa zu stärken, soll nun unter anderem bei der Vergabe öffentlicher Aufträge angesetzt werden. Unterhändler des Europäischen Parlaments und der Mitgliedstaaten einigten sich in der Nacht auf Dienstag auf entsprechende Änderungen. Bei wichtigen Arzneimitteln, bei denen eine hohe Abhängigkeit von einem oder wenigen Ländern besteht, sollen künftig grundsätzlich in Europa hergestellte Medikamente bevorzugt werden. So sollen Anreize für sichere Lieferketten geschaffen werden.
Die vorläufige Einigung sieht verschiedene Möglichkeiten vor, diese Medikamente zu bevorzugen. „Dazu gehört, dass Lieferanten proportional zu dem Anteil der in der EU hergestellten Arzneimittel und deren pharmazeutischer Wirkstoffe vergütet werden“, teilte das Parlament mit. Im Arzneimittelsektor in der EU sind laut Kommission rund 800.000 Menschen beschäftigt.
Gemeinsame Beschaffung und strategische Projekte
Sogenannte strategische Projekte sollen zudem schneller genehmigt werden und leichter Zugang zu Förderung erhalten. Mehrere Länder können sich zusammenschließen und gemeinsam wichtige Medikamente beschaffen. Das betrifft unter anderem Arzneimittel für seltene Erkrankungen, bei denen sonst laut Kommission der Markt versagt.
Mit kritischen Arzneimitteln sind laut EU-Kommission Medikamente gemeint, „bei denen es nur wenige oder gar keine Alternativen gibt und bei denen die Patientinnen und Patienten durch Versorgungsengpässe ernsthaft geschädigt würden“. Dazu gehören unter anderem Antibiotika, Antithrombotika, Krebstherapeutika und Herz-Kreislauf-Mittel. Sie sind in einer Liste aufgeführt.
Eine verpflichtende Umverteilung kritischer Arzneimittel zwischen Mitgliedstaaten soll anders als zwischenzeitlich diskutiert nicht eingeführt werden. Die Länder können dies aber freiwillig tun. Sie wollen zudem Informationen über Notfallbestände austauschen. Nach Angaben des Parlaments gibt es große Unterschiede, welche Arzneimittel in den einzelnen EU-Staaten verfügbar sind.
Nächste Schritte
Bevor die Regeln in Kraft treten können, müssen sie noch vom Europaparlament und den EU-Staaten bestätigt werden. Normalerweise gilt das als Formsache, wenn sich die Unterhändler der Institutionen zuvor auf einen Kompromiss geeinigt haben.
CDU-Gesundheitspolitiker Peter Liese nannte die Einigung einen extrem wichtigen Schritt „für die Lösung eines extrem großen Problems“. „Viele Patientinnen und Patienten leiden darunter, dass das für sie vorgesehene Medikament nicht lieferbar ist. Medizinisches Personal verbringt unzählige Stunden damit, Ersatz zu beschaffen“, teilte der Arzt mit.
Auch in Apotheken ist der Aufwand nach Angaben der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände groß: „Das Management von Lieferengpässen verursacht einen Zeitaufwand für das Apothekenpersonal, der in Deutschland pro Apotheke im Durchschnitt bei mehr als 20 Stunden in der Woche liegt“, teilte ein Sprecher mit.
Tiemo Wölken, gesundheitspolitischer Sprecher der Europa-SPD, begrüßte unter anderem, dass die EU Risiken künftig früher erkennen und koordinierter handeln könne, um Engpässe zu verhindern.
Patienten in Europa sollen sich keine Sorgen darüber machen müssen, ob wichtige Arzneimittel in ihrer Apotheke oder ihrem Krankenhaus verfügbar sind, teilte der zyprische Gesundheitsminister Neophytos Charalambides mit. Sein Land hat derzeit die rotierende EU-Ratspräsidentschaft inne und organisierte deshalb wichtige Beratungen zum Thema.



