Güstrows Ratsapotheke: Ein Traditionsbetrieb im Wandel der Zeit
Mit stolzen 80 Jahren übt Wolfgang Link seinen Beruf als Apotheker noch immer mit ungebrochener Leidenschaft aus. Sein Arbeitsplatz ist die Ratsapotheke in Güstrow, die mit ihrer Gründung im Jahr 1555 vermutlich die älteste Apotheke des Landes Mecklenburg-Vorpommern ist. Doch selbst dieser traditionsreiche Betrieb bleibt von den modernen Herausforderungen des Gesundheitswesens nicht verschont.
Solidarität beim Streik und anhaltende Probleme
Als am Montag viele Apotheken in Deutschland ihre Türen aus Protest schlossen, zeigte sich die Ratsapotheke solidarisch: Sie übernahm den Notfalldienst für die gesamte Region, während der reguläre Betrieb ruhte. Inhaber Wolfgang Link unterstützt die Forderungen nach höheren Apotheker-Honoraren aus voller Überzeugung. „Seit 13 Jahren ist in dieser Hinsicht nichts geschehen“, erklärt er, „während zeitgleich überall die Kosten explodiert sind.“
Die steigenden Ausgaben für Personal, Energie, Geräte und die Instandhaltung des historischen Gebäudes am Markt sowie des acht Jahre alten Botenautos belasten den Betrieb. Viele Apotheken mussten in den vergangenen Jahren aufgrund dieses finanziellen Ungleichgewichts schließen – ein Schicksal, das die Ratsapotheke zwar noch nicht ereilt hat, das aber ständig droht.
Personalmangel und veränderte Arbeitsbedingungen
Ein besonders drängendes Problem ist der akute Personalmangel. Eine langjährige Mitarbeiterin geht in den Ruhestand, doch Ersatz zu finden gestaltet sich äußerst schwierig. Der Apothekerberuf gilt als anspruchsvoll und fordernd: Bei Öffnungszeiten von 8 bis 18 Uhr kommen schnell 50 Wochenstunden zusammen, dazu kommen Wochenend- und Nachtdienste. „Apotheker ist eher ein Frauenberuf“, bemerkt Link, „und viele möchten heute in Teilzeit arbeiten.“
Derzeit beschäftigt die Ratsapotheke acht Angestellte, inklusive eines Kraftfahrers. Aufgrund der Personalsituation muss der Betrieb nun samstags schließen – eine einschneidende Veränderung für die Kundschaft.
Eine lebendige Geschichte seit 1555
Wolfgang Link selbst blickt auf eine bewegte Laufbahn zurück. 1964 begann er in der traditionsreichen Ratsapotheke ein Praktikum, in der DDR leitete er später die Südstadt-Apotheke. Als die Treuhandanstalt am 1. März 1991 die Ratsapotheke zum Kauf anbot, griff er zu. Seitdem feiert der Betrieb in diesem Jahr sein 35-jähriges Bestehen unter seiner Führung – während die Apotheke selbst bereits auf eine 442-jährige Geschichte zurückblickt.
Der 80-Jährige denkt allmählich daran, den Staffelstab weiterzugeben, doch seine Begeisterung für den Beruf ist ungebrochen. „Am liebsten ist mir der Umgang mit den Patienten, die Beratung, das persönliche Gespräch“, betont er. „Ich bin zufrieden, wenn ich jeden so beraten kann, dass es ihm hilft. Ich habe mein Leben für diesen Beruf und die Patienten gelebt.“
Apotheke als Spiegel der Gesellschaft
In einer Apotheke zeigt sich besonders deutlich, was die Menschen und die Gesellschaft aktuell bewegt. „Wir sind oft der Kummerbriefkasten“, beschreibt Link seine Erfahrungen, „wir bekommen hautnah mit, wie es den Menschen geht.“ Neben saisonalen Krankheiten wie Erkältungen erreichen ihn auch psychische Belastungen durch Alltagsprobleme, die oft ohne medizinische Hilfe nicht zu bewältigen sind.
Viele Kunden, insbesondere ältere, tun sich schwer mit der fortschreitenden Digitalisierung. Die Umstellung von Papierrezepten auf digitale Rezepte auf der Krankenkassenkarte verunsichert sie. „Sie verstehen nicht, dass es genügt, beim Arzt anzurufen und gleich zur Apotheke gehen zu können“, erklärt der Apotheker.
Mehr Bürokratie, gleiches Ziel
Im Vergleich zu früheren Zeiten ist vieles komplizierter geworden. „Damals war vieles einfacher“, räumt Link ein. „Es gab nur zwei Krankenkassen, heute sind es 55. Die Buchhaltung, die vorher zentral verwaltet wurde, müssen wir jetzt selbst erledigen.“ Neben der pharmazeutischen Tätigkeit übernehmen Apotheker heute auch kaufmännische Aufgaben.
Doch trotz aller Veränderungen und Herausforderungen bleibt für Wolfgang Link eines unverändert: „Oberstes Gebot ist immer die gute Versorgung der Patienten.“ Diese Maxime leitet ihn seit Jahrzehnten und prägt den Charakter der ältesten Apotheke Mecklenburg-Vorpommerns.



