Protest in Rostock: Studentinnen kämpfen gegen Psychotherapie-Kürzungen
Protest gegen Psychotherapie-Kürzungen in Rostock

Rostock – Unter dem Motto „Wer zuhört, hat verdient, gehört zu werden“ versammelten sich am Mittwochnachmittag, dem 6. Mai, etwa 80 Menschen auf dem Universitätsplatz in Rostock. Der Protest richtete sich gegen die geplanten Honorarkürzungen im Bereich der ambulanten Psychotherapie, die von den gesetzlichen Krankenkassen beschlossen wurden.

Hintergrund der Kürzungen

Die gesetzlichen Krankenkassen stehen finanziell unter Druck und müssen sparen. Die Honorare für Psychotherapeuten sind seit 2013 durchschnittlich um 52 Prozent gestiegen – ein Anstieg, der deutlich über dem anderer ärztlicher Fachgruppen liegt. Daher wurde Anfang März eine Kürzung der Honorare um 4,5 Prozent beschlossen. Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV-SV) betont jedoch, dass die tatsächliche Kürzung unter Berücksichtigung aller Zuschläge bei etwa 2,3 Prozent liege. Der Jahresverdienst der Therapeuten werde damit weiterhin über 190.000 Euro betragen, was über dem ärztlichen Vergleichsniveau liege.

Protest organisiert von Studentinnen

Organisiert wurde die Demonstration von Kiara Nele Steppeling vom Sozialreferat des Rostocker Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) und Jette Busse vom Fachschaftsrat der Bildungs- und Erziehungswissenschaften. Beide sind auf den ersten Blick nicht direkt von den Kürzungen betroffen. „Ich habe von den Kürzungen gehört und festgestellt, dass es überall in Deutschland Proteste gab, aber in MV passierte einfach gar nichts. Das hat mich unfassbar wütend gemacht“, erklärte Busse. Daraufhin organisierten sie als „fachfremde Engagierte“ den ersten Protest dieser Art in Mecklenburg-Vorpommern.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Stimmen vom Protest

Jule Eckermann, Psychotherapeutin aus Rostock, befürchtet einen Dominoeffekt: „Die Leute werden noch länger auf Hilfe warten müssen, die Verläufe werden schwieriger sein und mehr Klinikaufenthalte erfordern.“ Sie erwartet zudem mehr Verrentungen aufgrund psychischer Erkrankungen. Christoph Bosse, Vorstandsmitglied der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer (OPK), bezeichnete die Kürzungen als „vom Verfahren her illegitim“. Sie bedrohten die Existenz von Praxen und erschwerten die Weiterbildung des Nachwuchses. Er warnte vor einem „Teufelskreis“, der die ohnehin prekäre Versorgungslage in MV weiter verschärfen werde.

Betroffene aus dem ländlichen Raum

Katja Nicolai aus Neustrelitz, die seit Januar 2025 eine Kassenzulassung für ambulante Psychotherapie hat, warnte besonders vor den Folgen für den ländlichen Raum. Die Kürzungen verursachten große Verunsicherung und könnten dazu führen, dass Kollegen aufgeben und abwandern. Sie betonte die Bedeutung, junge Menschen für den langen Bildungsweg zu motivieren: „Ich habe streckenweise auf Hartz-IV-Niveau gelebt als alleinerziehende, selbstständige Mutter und Psychotherapeutin. Und das kann es doch nicht sein.“

Wachsende Nachfrage trifft auf Kürzungen

Viele Teilnehmer kritisierten den Widerspruch zwischen steigender Nachfrage nach Therapieplätzen und gleichzeitigen Honorarkürzungen. Ein angehender Therapeut, der anonym bleiben möchte, sagte: „Die Nachfrage steigt und gleichzeitig kürzen sie – das passt nicht zusammen.“ Die Protestierenden forderten die Politik auf, die Kürzungen zu überdenken und die ambulante Psychotherapie ausreichend zu finanzieren.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration