Apotheken-Protest in Rostock: Existenzkampf und bundesweite Demonstration für Reformen
Rostocker Apotheken schließen für Protest: Lage als kritisch bezeichnet

Apotheken in Rostock schließen für bundesweiten Protesttag

In Rostock bereiten sich Apotheker auf einen drastischen Schritt vor: Am Montag, dem 23. März, werden zahlreiche Apotheken in der Hansestadt ihre Türen schließen. Grund ist ein bundesweiter Aktionstag, organisiert von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). Für eine Berufsgruppe, die gesetzlich nicht streiken darf, stellt dies eine außergewöhnliche Maßnahme dar.

„Die Politik muss endlich merken, wie kritisch die Lage ist“

Dr. Sandra Möller, Geschäftsführerin der Apotheke am Doberaner Platz in Rostock, wird zu den Demonstranten in Berlin gehören. Sie erklärt ihre Motivation: „Die Politik muss endlich merken, wie kritisch die Lage ist.“ Hintergrund des Protestes ist das im Koalitionsvertrag zwischen SPD und Union vereinbarte, aber noch nicht umgesetzte Apotheken-Reformgesetz.

Möller betont, dass dieses Gesetz aus Sicht der Apotheker bei weitem nicht ausreichend sei und sogar umstrittene Ansätze enthalte. Dennoch warnt sie: „Wird hier nicht endlich gehandelt, war’s das einfach für viele Apotheken im Land.“ Sie verweist auf essentielle Leistungen wie Medikationsüberprüfungen, Rückfragen bei unklaren Rezepten und Beratung zu Wechselwirkungen, die ohne Apotheken verloren gehen würden.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Finanzielle Belastungen und fehlende Honoraranpassungen

Antje Urban, Inhaberin der Adler-Apotheke in Rostock und Mitglied des Apothekerverbands Mecklenburg-Vorpommern, schildert die prekäre finanzielle Situation: „Seit zwei Jahrzehnten gab es keine Honorarerhöhung für Apotheken.“ Gleichzeitig seien die Kosten in diesem Zeitraum um mehr als 65 Prozent gestiegen. Hinzu komme der Druck durch Online-Apotheken, die mit Dumpingpreisen, aber ohne persönliche Beratung oder Patientenleistungen agieren.

Urban stellt klar: „Wir schaffen das einfach nicht mehr.“ Das sogenannte Apothekenfixum, das pro abgegebene Packung gezahlt wird, liege aktuell bei drei Prozent des Einkaufspreises verschreibungspflichtiger Medikamente plus 8,76 Euro pauschal. Davon ziehen die gesetzlichen Krankenkassen noch einmal 1,77 Euro Abschlag ab.

Gutachten zeigt massive Unterfinanzierung

Ein von der Freien Apothekerschaft beauftragtes Gutachten, das Anfang März veröffentlicht wurde, kommt zu alarmierenden Ergebnissen. Die Gutachter Andreas Kaapke und Nina Kleber-Herbel sprechen von einem „langfristigen Unterfinanzierungseffekt“. Demnach hätten die Apotheken den gesetzlichen Krankenkassen zwischen 2004 und 2024 durch Abschlag und Nichterhöhung des Fixums etwa 50 Milliarden Euro „erspart“.

Die im Koalitionsvertrag vorgesehene Erhöhung des Apothekenfixums auf 9,50 Euro wird von Urban als unzureichend kritisiert. Sie erklärt: „Wenn der neue Mindestlohn 2027 kommt, dann arbeiten unsere Pharmazeutisch-Kaufmännischen-Assistenten unter Mindestlohn.“ Die notwendige Tarifanpassung mache die geplante Erhöhung somit wirkungslos.

Leistungskürzungen und berufliche Unsicherheit

Besondere Sorge bereiten den Apothekern geplante Leistungskürzungen im Reformgesetz. Dazu gehören die Abschaffung der Pflicht zur Rezepturherstellung und die Möglichkeit, Apotheken ohne Labor zu betreiben. Antje Urban hält diese Pläne für „die völlig falsche Richtung“.

Der umstrittenste Punkt betrifft Pharmazeutisch-Technische Assistenten (PTA), die zeitweise Apotheken ohne Apotheker betreiben dürfen sollen. Sandra Möller bezeichnet diese Idee als „Desaster“, da sie bestehende Versorgungsschwächen weiter verschärfen würde.

Johanna Thies, PTA in der Rostocker Apotheke am Brink, äußert deutliche Bedenken: „Also ich zum Beispiel möchte das nicht.“ Sie betont, dass mit der Tätigkeit eines Apothekers eine enorme Verantwortung verbunden sei, die eine akademische Ausbildung und mehrere Staatsexamen voraussetze. „Als PTA bin ich natürlich eine sehr gut ausgebildete Fachkraft, aber sicherlich keine Apothekerin“, sagt sie.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Existenzängste und Unterstützung für den Protest

Johanna Thies wird zwar nicht persönlich am Protesttag teilnehmen, da ihre Apotheke weiterhin Heime beliefern muss, unterstützt das Anliegen jedoch vollumfänglich. Sie macht sich Sorgen um ihren Job: „Wenn hier nicht endlich was passiert, dann habe ich bald keinen mehr.“

Der Protesttag am 23. März soll Druck auf die Politik ausüben, um endlich das Apotheken-Reformgesetz, eine Honoraranpassung und die Fixum-Anpassung umzusetzen. Die Apotheker in Rostock und bundesweit warnen vor spürbaren Leistungslücken für Patienten, sollte sich an der prekären finanziellen Lage nichts ändern.