Apotheken in Sachsen kämpfen ums Überleben: Engpässe, Online-Konkurrenz und stagnierende Honorare
Sachsens Apotheken kämpfen mit Engpässen und Online-Konkurrenz

Apotheken in Sachsen: Ein Netzwerk in der Krise

Die medizinische Grundversorgung in Sachsen steht vor erheblichen Herausforderungen. Das Apothekennetz im Freistaat wird immer dünner, während gleichzeitig zahlreiche Probleme die Branche belasten. Nach aktuellen Zahlen des Landesverbandes schreiben etwa 30 Prozent aller Apotheken rote Zahlen oder gelten als wirtschaftlich gefährdet.

Dramatischer Rückgang der Apotheken

Reinhard Groß, Vorstandsmitglied im Sächsischen Apothekerverband, beklagt einen kontinuierlichen Rückgang der Apothekenzahl. „Allein im vergangenen Jahr haben 18 Apotheken aufgegeben, nur fünf kamen neu hinzu“, erklärt er. Über die letzten zehn Jahre betrachtet, sind mehr als 120 Apotheken in Sachsen verschwunden. Aktuell existieren noch 864 Apotheken im gesamten Bundesland.

Finanzielle Belastungen und Medikamentenengpässe

Ein zentrales Problem ist die seit 2013 unveränderte Honorierung. Apotheken erhalten pro Packung weiterhin nur 8,35 Euro, während die Betriebskosten im selben Zeitraum um 65 Prozent gestiegen sind. Hinzu kommen massive Lieferengpässe bei Arzneimitteln.

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„Wir haben immer noch über 500 Medikamente, die nicht oder schlecht lieferbar sind“, berichtet Groß aus seiner Apotheke im Zwickauer Wohngebiet Eckersbach. Betroffen sei die gesamte Palette von Blutdruck- bis Asthma-Medikamenten. Der organisatorische Aufwand für Apotheker und Mitarbeiter sei enorm, da ständig Ersatz organisiert, mit Ärzten telefoniert und Dosierungen angepasst werden müssten.

Wachsende Konkurrenz durch Versandapotheken

Zusätzlich verschärft die Konkurrenz durch Online-Anbieter die Situation. Besonders ärgerlich finden viele Apotheker die Werbung einer Versandapotheke mit dem bekannten Fernsehmoderator Günther Jauch. Groß kritisiert, dass diese Anbieter „Rosinenpickerei“ betrieben würden. Sie schöpften Umsatz ab, hätten ihren Sitz oft im Ausland und leisteten keine Notdienste oder persönliche Beratung.

Durch das E-Rezept hätten Versandapotheken zusätzlichen Auftrieb erhalten. Im Bereich der Selbstmedikation erreichen sie bereits mehr als 20 Prozent Marktanteil, bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln liegt der Anteil mit etwa 1,5 Prozent deutlich niedriger.

Politische Maßnahmen und Kritik

Die Bundesregierung hat erste Schritte zur Entlastung angekündigt. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) plant eine Erhöhung des Fix-Honorars auf 9,50 Euro pro Packung. Ihre Reform soll Apothekern mehr Leistungen ermöglichen, etwa im Bereich von Impfungen und Vorsorge-Angeboten. Zusätzlich ist von Bürokratieabbau und erleichterten Gründungsbedingungen für Zweigapotheken die Rede.

Groß betont jedoch, dass die Honorarerhöhung nur ein erster Schritt sein dürfe: „Künftig muss die Vergütung in einem geregelten Verfahren regelmäßig angepasst werden.“ Positiv bewertet er die geplante Stärkung der Apothekenrolle im Gesundheitssystem.

Kontroverse um „Apotheken ohne Apotheker“

Kritisch sieht der Verband jedoch den Vorstoß, dass Apotheken künftig zeitweise auch von pharmazeutisch-technischen Assistenten geführt werden können. Eine solche „Apotheke ohne Apotheker“ stelle eine Verschlechterung der Leistung dar, so Groß. Das komplette Leistungsspektrum – etwa die Abgabe von Betäubungsmitteln oder speziellen Rezepturen – könne dann nicht mehr angeboten werden.

„Wir wollen keine Zwei-Klassen-Gesellschaft, sondern dass jede Apotheke die gleichen Leistungen anbietet“, fordert das Vorstandsmitglied des Sächsischen Apothekerverbandes.

Bundesweiter Protesttag geplant

Um auf die akuten Probleme aufmerksam zu machen, ist für den 23. März ein bundesweiter Protesttag geplant. An diesem Tag werden viele Apotheken in Sachsen geschlossen bleiben, allerdings wird ein Notdienst vorgehalten. Bereits an diesem Freitag und Sonnabend kommen Sachsens Apotheker in Chemnitz zum Apothekertag zusammen, um über die Zukunft ihrer Branche zu beraten.

Die alternde Bevölkerung in Sachsen benötigt eine verlässliche medizinische Versorgung. Doch solange die strukturellen Probleme nicht gelöst werden, wird das Apothekensterben weiter anhalten – mit der Folge längerer Wege für Patienten und einer zunehmenden Gefährdung der flächendeckenden Versorgung.

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