Frauenärztin Judith Bildau: Eine Ode an die Stärke und Präzision des weiblichen Körpers
Frauenärztin: Ode an die Stärke des weiblichen Körpers

Frauenärztin Judith Bildau: Eine Ode an die Stärke und Präzision des weiblichen Körpers

Hier zu sehen: das Ölgemälde Baigneuse (1888) von dem französischen Impressionisten Pierre-Auguste Renoir. Das Werk mit dem deutschen Titel „Die Badende“ stellt eine weibliche Aktfigur dar.

Foto: picture alliance/Heritage Images

08.03.2026 - 09:39 Uhr Mein Name ist Judith Bildau, ich bin Frauenärztin in Rom. Zum Weltfrauentag will ich mich nun in BILD verneigen: vor dem weiblichen Körper. Vor diesem Meisterwerk der Natur, das schützt, heilt und erschafft. Ein Organismus, der nicht einfach funktioniert, sondern Wunder vollbringt. Wer genauer hinschaut, entdeckt eine Architektur aus Stärke und Präzision. Ich könnte an tausend Stellen anfangen, seine Wahnsinnskraft zu belegen. Also fangen wir dort an, wo alles beginnt: in unseren Genen.

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Genetische Vorteile: Zwei X-Chromosomen als Stärke

Beginnen wir auf der kleinsten Ebene: unseren Genen. Frauen verfügen über rund 1.000 Gene mehr als Männer. Viele davon liegen auf dem X-Chromosom. Diese Gene steuern zentrale Prozesse des Immunsystems. Zwei X-Chromosomen sind ein klarer Vorteil im Vergleich zu Männern, die ein X- und ein Y-Chromosom haben. Sie bieten eine genetische Absicherung, die zur insgesamt höheren Lebenserwartung von Frauen beitragen kann. Fällt eine Variante aus, kann die andere kompensieren.

Gynäkologin Judith Bildau bei der Frauenveranstaltung „BILD Tabu-Bru(n)ch“ 2024 in Berlin.

Foto: Anika Dollmeyer

Immunsystem: Eine echte Superpower

Das weibliche Immunsystem ist eine echte Superpower! Es reagiert schneller, produziert häufig mehr Antikörper. Infektionen verlaufen im Durchschnitt milder, Impfstoffe wirken oft stärker. Die weibliche Wundheilung verläuft schneller. Kollagen- und Gefäßneubildung werden, dank der weiblichen Hormone, gezielt unterstützt.

Hormonsystem: Fein abgestimmt wie eine Schweizer Uhr

Überhaupt, diese Hormone! Das weibliche Hormonsystem ist wie eine Schweizer Uhr – fein abgestimmt und hochpräzise. Östrogen, Progesteron, auch Testosteron (das ist nicht nur ein männliches Hormon!), greifen ineinander wie Zahnräder. Der weibliche Menstruationszyklus ist ein exakt reguliertes biologisches Programm. Jeden Monat! Über Jahrzehnte! Und sichert das Überleben der Menschheit.

Damit nicht genug: Östrogen schützt unser Herz-Kreislauf-System, die Gefäßinnenwände und das Herz, stärkt Knochen und Gehirn, reguliert Blutzucker und Fettstoffwechsel. Progesteron wirkt ausgleichend, entspannend und schlaffördernd.

Schwangerschaft: Eine biologische Hochleistung

Der weibliche Körper kann neues Leben erschaffen. Eine Schwangerschaft ist eine Hochleistung. Das Blutvolumen steigt. Das Herz pumpt mehr pro Minute. Ein neues Organ entsteht: die Plazenta. Sie versorgt, filtert, reguliert. Das Erstaunliche: Das weibliche Immunsystem wehrt gezielt Angreifer ab und toleriert gleichzeitig genetisch fremdes Leben. Das ist immunologische Präzisionsarbeit! Nach der Geburt produziert der Körper Muttermilch. Für das Neugeborene ist sie Immuntherapie und Ernährung zugleich.

Herausforderungen: Sensibilität und Überreaktionen

Ein System, das sehr wachsam reagiert, ist anfälliger für Überreaktionen und Fehlregulationen. Frauen erkranken häufiger an Autoimmunerkrankungen wie Multipler Sklerose. Auch der präzise gesteuerte Hormonzyklus ist sensibel. Gerät er aus dem Gleichgewicht, können Beschwerden auftreten: PMS, Migräne, Zyklusstörungen. Zusätzlich bringen hormonelle Umstellungsphasen Herausforderungen mit sich, zum Beispiel nach der Geburt, während der Stillzeit und in den Wechseljahren.

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Frauengesundheit: Kein blinder Fleck in der Medizin

Obwohl all das Teil des normalen weiblichen Lebenszyklus ist, kann es Frauen stark fordern und spürbar belasten. Genau deshalb ist es wichtig, dass Frauen medizinisch-fundiert und allumfassend begleitet werden. Viele Erkrankungen äußern sich anders als bei Männern. Herzinfarkte und Schlaganfälle zeigen oft völlig andere Symptome und werden deshalb nicht erkannt. Obwohl Frauen seltener erkranken, sterben sie häufiger daran. Medikamente werden je nach Geschlecht unterschiedlich verstoffwechselt, aber überwiegend an männlichen Probanden untersucht. Nebenwirkungen bei Frauen treten deshalb häufiger oder stärker auf.

Das Meisterwerk „weiblicher Körper“ funktioniert nach eigenen Regeln. Mit eigenem Risikoprofil, eigener Hormonarchitektur, eigener Immunbiologie. Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass Frauen sich jeden Tag neu in ihren Körper verlieben, ihn bewundern und achten – egal in welcher Lebensphase. Dass das kritische Auge an Sehkraft verliert und stattdessen der liebevolle Blick zunimmt. Ich als Frauenärztin kann nur sagen: Ihr seid alle wunderbar, einzigartig!