Rostocker Dialyse-Patientin strandet: Kasse lehnt Krankentransport trotz Amputation ab
Krankenkasse lehnt Transport für Dialyse-Patientin mit Amputation ab

Patientin mit amputiertem Fuß im Dialyse-Zentrum gestrandet

Gabriele Seliger, eine 68-jährige Rostockerin, musste am Gründonnerstag eine erschütternde Erfahrung machen. Nachdem ihr rechter Fuß vor zwei Jahren amputiert wurde, ist sie dreimal wöchentlich auf Dialyse angewiesen. Doch am 2. April 2026 stand sie plötzlich vor einem existenziellen Problem: Ihre Krankenkasse, die Viactiv, lehnte die Kostenübernahme für den notwendigen Krankentransportwagen (KTW) ab. Die Folge war, dass die Rentnerin im Rollstuhl im Dialyse-Zentrum des Südstadtcenters in Rostock festsaß und nicht wusste, wie sie nach Hause kommen sollte.

Taxi-Streik verschärft die Situation in Mecklenburg-Vorpommern

Hintergrund dieser dramatischen Situation sind die Aktionstage des Taxi- und Mietwagengewerbes in Mecklenburg-Vorpommern. Wegen eines ungelösten Vergütungsstreits mit den Krankenkassen fuhren am 1. und 2. April zahlreiche Unternehmen keine Krankenfahrten mehr. Besonders betroffen sind Patienten, die liegend transportiert werden müssen oder auf Rollstühle angewiesen sind. Für sie wurden diese Tage zu einer mentalen Belastungsprobe.

Gabriele Seliger war am Morgen des 2. April mangels Alternativen zunächst von einem Krankentransportwagen abgeholt worden. Während ihrer Dialyse-Behandlung traf dann die schockierende Nachricht ein: Die Kostenübernahme wurde verweigert. „Ich habe einfach Angst“, beschreibt die Seniorin ihre Gefühle in dieser ausweglosen Situation.

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Fahrdienstleister zeigt menschliches Engagement

Geholfen hat der Rentnerin schließlich der Krankentransferdienst von Frank Otto. „Wir konnten die Patientin eben einfach nicht allein lassen“, erklärt der Inhaber. Seit fünf Jahren transportiert sein spezialisiertes Rostocker Unternehmen Gabriele Seliger zu ihren Dialyse-Terminen. Die Mitarbeiter holen sie aus der Wohnung ab, bringen sie bis zum Dialyse-Bett und holen sie wieder ab – ein Service, der weit über eine normale Fahrt von A nach B hinausgeht.

Frank Otto macht deutlich, dass die wirtschaftliche Situation für spezialisierte Fahrdienste prekär ist: „Die Kasse zahlt für eine Fahrt aktuell 65,50 Euro, wirtschaftlich wären aber 93 Euro nötig.“ Sollten sich die Krankenkassen nicht bewegen, drohe vielen Anbietern von Liegend- und Tragestuhltransporten die Insolvenz.

Ärzte und Pflegepersonal im Krisenmodus

Heinrich Prophet (CDU), Bürgerschaftspräsident und Leiter des Dialysezentrums im Südstadtcenter, berichtet von alarmierenden Zuständen. Er und ein Großteil seiner Belegschaft haben auf Urlaub verzichtet, um die Versorgung der Patienten aufrechtzuerhalten. „Die Kassen signalisieren zwar Gesprächsbereitschaft, aber in der Praxis funktioniert das nicht“, kritisiert der Arzt.

Prophet erzählt von „Hilfeschreien seiner Schwestern“, weil Krankenkassen Kostenübernahmen für Krankentransportwagen ablehnen – nicht nur im Fall von Gabriele Seliger. „Das muss man sich wirklich vor Augen führen: Mehrere meiner Patienten haben offiziell die Ablehnung für den Transport zu einer lebensnotwendigen Therapie erhalten“, stellt er klar.

Forderung nach differenzierter Vergütung

Aus Rostock kommt die deutliche Forderung nach einer getrennten Betrachtung verschiedener Transportarten. Während etwa 80 Prozent aller Krankenfahrten mit normalen Taxis möglich seien, erforderten die übrigen 20 Prozent für Tragestuhl- und Liegetransporte Spezialfahrzeuge und speziell geschultes Personal. „Die Kassen behandeln diese Fälle allerdings, als ob sie mit einem normalen Taxi auskommen würden“, kritisiert ein Vertreter der Branche.

Die Aktionstage hätten deutlich gemacht, dass die von den Krankenkassen beschworenen alternativen Fahrdienste in der Realität nicht existieren. Viele spezialisierte Unternehmen fahren aktuell „im Stillen“ auf eigene Kosten, um Patienten nicht im Stich zu lassen.

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Kleine Lösung für die Ostertage

Für Gabriele Seliger gab es am Nachmittag des Gründonnerstags immerhin eine vorläufige Lösung: Nach zahlreichen Telefonaten mit Ärzten und Schwestern des Dialysezentrums übermittelte ihre Krankenkasse eine Abtretungserklärung. Damit kann der Fahrdienst die Fahrt bei der Kasse abrechnen. Frank Otto bleibt jedoch skeptisch: „Ob die Kasse aber am Ende wirklich das vergütet, was wir aufrufen, bleibt abzuwarten.“

Eine etwaige Differenz sowie die Kosten für den Rettungswagen, der Seliger am Morgen transportierte, muss die 68-Jährige voraussichtlich selbst tragen. Trotz dieser Belastungen steht sie hinter den Forderungen der Fahrer: „Du musst die Leute doch anständig bezahlen“, sagt sie entschieden.

Ruf nach politischem Eingreifen

Alle befragten Beteiligten sind sich einig, dass die aktuelle Situation „ein absoluter Skandal“ sei. Gunnar Weiß vom Landesverband sieht nun die nächsthöhere Instanz in der Pflicht: das Sozialministerium. „Ich erwarte von Sozialministerin Stefanie Drese (SPD) als Leiterin der Aufsichtsbehörde eine klare Ansage, was zu tun ist“, fordert er. Es gehe nicht nur um Tariffragen, sondern um Menschenleben, die von diesen Transporten abhingen.

Der Fall von Gabriele Seliger zeigt exemplarisch, wie Patienten zwischen Tarifstreitigkeiten und bürokratischen Hürden zerrieben werden. Während die Diskussionen über Vergütungen weitergehen, bleiben vulnerable Menschen in existenziellen Notsituationen zurück – ein Zustand, der nach Ansicht aller Beteiligten dringend politischer Lösungen bedarf.