Millionen unnötige Arztbesuche: Bürokratie zwingt Chroniker zum Quartalsgang
Millionen unnötige Arztbesuche durch Quartalslogik

Millionen unnötige Arztbesuche: Die Quartalslogik im Gesundheitssystem

Für Millionen chronisch kranker Patienten in Deutschland gehört es zum regelmäßigen Alltag: Alle drei Monate müssen sie den Weg in die Arztpraxis antreten, auch wenn es ihnen gesundheitlich gut geht. Der Grund ist nicht medizinischer Natur, sondern bürokratisch. Wegen der sogenannten Quartalslogik im Abrechnungssystem der Praxen sind persönliche Besuche erforderlich, um Rezepte für Medikamente bei Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes zu verlängern.

Gesetzesreform seit 2025 – doch Umsetzung fehlt

Eigentlich sollte sich diese Praxis bereits geändert haben. Der ehemalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach von der SPD brachte noch vor dem Ende der Ampelkoalition ein Gesetz auf den Weg, das chronisch Kranken ermöglichen soll, Rezepte nur noch einmal jährlich erneuern zu müssen. Dieses Gesetz ist seit Februar 2025 in Kraft, doch in der Realität wird es bis heute nicht umgesetzt. Hinter den Kulissen verhandeln Ärztevertreter und Krankenkassen seit Monaten, ohne dass eine Einigung erzielt werden konnte.

Patientenschützer Eugen Brysch übt scharfe Kritik an dieser Verzögerung. Er wirft der Ärztelobby vor, nicht auf Einnahmen aus überflüssigen Arzt-Patienten-Kontakten verzichten zu wollen. Denn auch kurze Termine, die lediglich der Rezeptabholung dienen, können von den Praxen abgerechnet werden. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung weist diesen Vorwurf jedoch zurück. Ein Sprecher betont, dass eine Jahrespauschale für die Praxen einnahmen- und ausgabenneutral wäre. Grundsätzlich unterstütze man die Reform, da sie sowohl Patienten als auch Praxen entlasten würde.

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Belastung für Patienten und Gesundheitssystem

Die vielen unnötigen Termine stellen eine erhebliche Belastung dar – nicht nur für die betroffenen Patienten, sondern auch für das gesamte Gesundheitssystem. Gesundheitsökonom Boris Augurzky vom RWI-Institut schätzt, dass es pro Jahr rund eine Milliarde Arztkontakte in Deutschland gibt. Ein relevanter Teil davon, vermutlich im siebenstelligen Bereich, ist ausschließlich der Quartalslogik geschuldet. Das bedeutet konkret: Millionen von Terminen, die medizinisch nicht notwendig sind, beanspruchen wertvolle Ressourcen und verursachen lange Wartezeiten.

Stefanie Stoff-Ahnis, Co-Chefin des GKV-Spitzenverbands, begrüßt die Idee der Jahresrezepte als zusätzliche Möglichkeit. Sie betont, dass bestimmten chronisch Kranken dadurch unnötige Wege erspart bleiben würden und gleichzeitig die Praxen entlastet werden könnten. Die Krankenkassen stehen der Reform grundsätzlich positiv gegenüber.

Technische Hürden und politischer Druck

Doch wenn sich alle Beteiligten einig sind, warum wird die Quartalslogik dann nicht einfach abgeschafft? Die Kassenärztliche Bundesvereinigung verweist auf komplexe technische Herausforderungen. Die Einführung einer Jahrespauschale erfordere Anpassungen im bestehenden Abrechnungssystem, was sich als schwierig erweise. Zudem ist noch unklar, wie hoch die Pauschale pro Patient ausfallen soll.

Immerhin gibt es Hoffnung auf baldige Fortschritte. Ein Sprecher der KBV rechnet mit einer Vereinbarung noch in diesem Frühjahr. Auch Gesundheitsministerin Nina Warken von der CDU setzt sich für die Reform ein. Sie argumentiert, dass angesichts begrenzter Versorgungskapazitäten entbehrliche Arztkontakte und Wartezeiten reduziert werden müssen. Die bisherige Quartalslogik für Chroniker müsse überwunden werden, ohne dass dies zu höheren Kosten für Krankenkassen und Beitragszahler führt.

Warken erwartet eine zügige Verständigung zwischen den Beteiligten. Sollte es zu weiteren deutlichen Verzögerungen kommen, kündigt sie an, im Rahmen ihrer Rechtsaufsicht die erforderlichen Schritte zu prüfen. Die Patienten warten indes weiter auf die versprochene Entlastung.

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