Kampf gegen Übergewicht: Schleswig-Holstein startet neue Bundesratsinitiative für Zuckersteuer
Neue Bundesratsinitiative: Zuckersteuer für Kinder-Gesundheit

Kampf gegen Übergewicht: Schleswig-Holstein startet neue Bundesratsinitiative für Zuckersteuer

Wer als Kind mit starkem Übergewicht zu kämpfen hat, trägt diese gesundheitliche Belastung häufig ein Leben lang mit sich. Dabei handelt es sich nicht um harmlose Babyspeck-Pfunde, sondern um ernstzunehmende Adipositas, die mit erheblichen Gesundheitsrisiken verbunden ist. Aktuelle Daten des Robert Koch-Instituts zeigen ein alarmierendes Bild: In Deutschland sind etwa 1,3 Millionen Kinder und Jugendliche übergewichtig oder sogar fettleibig.

Besorgniserregende Zahlen und soziale Ungleichheit

In Prozentzahlen ausgedrückt bedeutet dies, dass 15,4 Prozent aller Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen drei und 17 Jahren Übergewicht aufweisen. Rund sechs Prozent leiden bereits unter Adipositas, der schwersten Form der Fettleibigkeit. Besonders dramatisch ist die Situation bei Kindern aus sozial benachteiligten Familien: In dieser Gruppe liegt der Anteil übergewichtiger Kinder sogar deutlich über 20 Prozent.

Vertreter von Ärzteverbänden und Krankenkassen zeigen sich angesichts dieser Entwicklung äußerst besorgt. Mit dem steigenden Übergewicht nimmt auch das Risiko für schwerwiegende Begleiterkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Probleme und Gelenkerkrankungen deutlich zu. Experten sehen einen veränderten Umgang mit Zucker als einen möglichen Lösungsansatz, doch entsprechende politische Initiativen bleiben umstritten.

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Gescheiterter Vorstoß und neue Bundesratsinitiative

Erst vor gut einem Monat erlitt der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) mit seinem Vorstoß für eine Zuckersteuer auf dem Bundesparteitag seiner eigenen Partei eine deutliche Niederlage. Die stellvertretende CDU-Generalsekretärin Christina Stumpp kritisierte den Vorschlag scharf als „grüne Bevormundungspolitik“ und betonte das CDU-Prinzip des mündigen Bürgers. Auch der baden-württembergische Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) lehnte die Idee ab.

Doch der Norden gibt nicht auf: Am vergangenen Dienstag beschloss das schleswig-holsteinische Kabinett eine neue Bundesratsinitiative, die am Freitag in der Länderkammer behandelt werden soll. In dem Vorstoß wird die Bundesregierung aufgefordert, eine Steuer oder Abgabe einzuführen, die Unternehmen Anreize bieten soll, den Zuckergehalt in Getränken zu reduzieren. Zusätzlich fordert die Initiative eine gesetzliche Altersgrenze von 16 Jahren für den Verkauf sogenannter Energydrinks.

Politische Widerstände und Bevölkerungsmeinung

Die Erfolgsaussichten dieser erneuten Initiative werden jedoch als eher gering eingeschätzt. Besonders aus unionsgeführten Bundesländern wie Bayern, Sachsen und Sachsen-Anhalt ist mit erheblichem Widerstand zu rechnen. Ein Teil der CDU befürchtet, mit dem Etikett „Verbotspartei“ versehen zu werden – ein Image, das den Grünen in der Vergangenheit politisch geschadet hat.

Die wirtschaftlichen Interessen spielen ebenfalls eine wichtige Rolle: In Deutschland tragen etwa 20.000 bis 25.000 landwirtschaftliche Betriebe mit dem Anbau von Zuckerrüben zu ihrer Existenz bei, und die Getränkeindustrie ist ein bedeutender Abnehmer für Zucker.

Interessanterweise sieht die Meinung in der Bevölkerung deutlich anders aus: Eine Online-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey vom Ende Februar zeigte, dass 60 Prozent der Befragten eine Steuer, deren Höhe mit dem Zuckergehalt steigt, positiv bewerten. Selbst unter CDU/CSU-Anhängern lag die Zustimmungsquote mit 64 Prozent über dem Durchschnitt.

Wissenschaftliche Perspektiven und internationale Erfahrungen

Auch in der Wissenschaft wird die Zuckersteuer kontrovers diskutiert. Sarah Forberger vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen sieht in der Besteuerung von Getränken einen „guten Startpunkt“, da flüssige Kalorien weniger satt machen und bei Jugendlichen besonders beliebt sind. Allerdings betont sie, dass es eines ganzen Maßnahmenkatalogs bedarf, um eine wirklich gesundheitsfördernde Ernährungsumgebung zu schaffen.

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Johannes Bauernfeind, Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg, unterstützt die schleswig-holsteinische Initiative ausdrücklich. Er verweist auf positive Erfahrungen aus Großbritannien, wo 2018 eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke eingeführt wurde: „Bei diesen hat sich der Zuckergehalt innerhalb von vier Jahren um mehr als ein Drittel verringert“, erklärt Bauernfeind. Die Zuckersteuer sei dabei kein Selbstzweck, sondern ein wichtiges Instrument der Prävention.

Komplexe Studienlage und geschlechtsspezifische Wirkungen

Die wissenschaftliche Beweislage zur Wirksamkeit von Zuckersteuern ist jedoch komplex. Karl Emmert-Fees, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Universität München, weist darauf hin, dass einige Studien aus Großbritannien zeigen, dass die Zuckersteuer bei Mädchen positive Auswirkungen auf das Körpergewicht habe – bei gleichaltrigen Jungen hingegen nicht. Diese unterschiedliche Wirkung könnte mit dem gezielten Marketing für bestimmte Getränke zusammenhängen.

Insgesamt zeigt die Debatte um die Zuckersteuer, wie schwierig es ist, wirksame Maßnahmen gegen die zunehmende Übergewichtsproblematik bei Kindern und Jugendlichen umzusetzen. Während die gesundheitlichen Risiken unbestritten sind, stehen politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Interessen oft im Widerstreit. Die neue Bundesratsinitiative aus Schleswig-Holstein wird zeigen, ob sich in dieser polarisierenden Debatte Bewegung erkennen lässt.