Poliklinik Halle: DDR-Modell als Lösung gegen den Ärztemangel in Sachsen-Anhalt?
Poliklinik Halle: DDR-Modell gegen Ärztemangel?

Poliklinik Halle: DDR-Modell als Lösung gegen den Ärztemangel in Sachsen-Anhalt?

Routiniert misst Hausärztin Gabriele Rasch den Blutdruck ihres Patienten in der Poliklinik im Hallenser Stadtteil Reil. Mit Werten von 125 zu 80 ist sie zufrieden. Seit Jahrzehnten ermittelt sie hier bei Tausenden Patienten die Blutdruckwerte. Der entscheidende Unterschied zu vielen ihrer Kollegen: Gabriele Rasch arbeitet als Angestellte in der einzig verbliebenen Poliklinik aus DDR-Zeiten in Sachsen-Anhalt.

Ärztemangel und unattraktive Niederlassungen

In vielen Teilen des Bundeslandes wird es zunehmend schwieriger, Haus- und Fachärzte für eine Praxisniederlassung zu gewinnen. Zu hohe bürokratische Hürden, wirtschaftliche Risiken und eine immense Arbeitsbelastung machen den Schritt in die Selbstständigkeit für viele Mediziner unattraktiv. Auch Gabriele Rasch scheute in den 1990er Jahren dieses Risiko. Die Poliklinik im Stadtteil Reil kannte sie bereits aus ihrer Kindheit. „Ich hab hier meine erste Spritze in den Po gekriegt“, berichtet die Ärztin lächelnd. Nach ihrem Studium führte sie ihr beruflicher Weg daher zurück in die vertraute Einrichtung.

Teamarbeit unter einem Dach

Die Poliklinik ist wie ein großes Ärztehaus konzipiert. Von der Hausärztin über Chirurgen bis hin zum Urologen arbeiten verschiedene Fachexperten an einem Ort. Anders als niedergelassene Kollegen sind sie hier angestellt und werden durch eine zentrale Verwaltung bei der Abrechnung medizinischer Leistungen unterstützt. Dieser Ansatz ermöglicht den Medizinern deutlich mehr Zeit für ihre Patienten.

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„Insgesamt ist das ein tolles Konstrukt“, betont Gabriele Rasch. Eine gestürzte Patientin kann sie beispielsweise direkt zum Radiologen im selben Haus zum Röntgen schicken. Steht der Befund bereit, wird dieser zügig gemeinsam ausgewertet. Die Kollegen sind stets in Rufweite. Monatelange Wartezeiten auf Facharzttermine? „So ist das bei uns nicht“, sagt Rasch entschieden.

Politische Diskussion um Medizinische Versorgungszentren

Angesichts des akuten Ärztemangels wird in der Politik wieder intensiv über solche Modelle diskutiert, die die medizinische Versorgung im ländlichen Raum verbessern könnten. Unter dem modernen Namen Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) erlebt das Konzept eine Renaissance.

In der Gemeinde Elsteraue im Burgenlandkreis entsteht mit Unterstützung des Landes Sachsen-Anhalt aktuell ein kommunales MVZ. Auf drei Etagen werden drei Arztpraxen errichtet, ergänzt durch eine Apotheke im Erdgeschoss. Landrat Götz Ulrich (CDU) erklärt: „Das zukünftige Ärztehaus wird hoffentlich die immer größer werdende Lücke in der Ärzteversorgung vor allem im ländlichen Raum wie der Gemeinde Elsteraue schließen.“

Vorteile für Patienten und Ärzte

Die ärztliche Leiterin der Poli Reil, Sybille Schmidt-Fritzsching, sieht zahlreiche Vorteile in diesem Ansatz. Patienten hätten mehrere ihrer Ärzte an einem zentralen Ort vereint. „Ältere Leute machen dann gerne mal einen Arzt-Tag, gerade wenn sie vom Land in die Stadt kommen“, so Schmidt-Fritzsching.

Als Medizinerin schätzt sie besonders die enge Vernetzung mit ihren Kolleginnen und Kollegen. Bei personellen Engpässen, etwa wenn eine Schwester krankheitsbedingt ausfällt, unterstütze man sich fachübergreifend. Auch in Fragen der Hygiene oder der Softwareausstattung könnten Aufgaben effizient gebündelt werden. Zwar gebe es auch hier wirtschaftliche Herausforderungen, räumt die ärztliche Leiterin ein. Doch die Verantwortung liege nicht beim Einzelnen, sondern werde kollektiv getragen.

Entlastung von bürokratischem Druck

Hausärztin Gabriele Rasch berichtet, dass viele niedergelassene Kollegen über zu wenig Zeit für ihre Patienten klagen. Einige seien überlastet und spürten gleichzeitig erheblichen finanziellen Druck. Abrechnungen würden häufig in den Abendstunden oder am Wochenende erledigt. „Es liegt immer alles am Geld“, resümiert Rasch. Umso mehr schätzt sie ihre Arbeitssituation in der Poliklinik.

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Von DDR-Erbe zum modernen Versorgungszentrum

Die Poli Reil gehört heute über das Diakoniewerk Halle zum Evangelischen Diakonissenhaus Berlin Teltow Lehnin. Der Betrieb startete 1950 mit zunächst fünf Ärzten in vier Fachrichtungen. Heute beschäftigt die Einrichtung insgesamt 80 Mitarbeiter, wobei etwa jeder vierte davon Arzt ist.

In der DDR bildeten Polikliniken die zentrale Säule der ambulanten Versorgung. Nach dem Mauerfall ließen sich viele Ärzte in eigenen Praxen nieder. Die Poliklinik in Halle behandelt heute jährlich etwa 50.000 Patientinnen und Patienten und deckt mit ihren 15 Fachrichtungen nahezu das gesamte ambulante ärztliche Spektrum ab.

Politische Unterstützung für das Modell

Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne (SPD) betont, dass sich die Poliklinik seit mehr als 75 Jahren kontinuierlich weiterentwickle, um auf veränderte Rahmenbedingungen und aktuelle Versorgungsbedürfnisse zu reagieren. Sie hält Modelle wie Medizinische Versorgungszentre für besonders geeignet, um Versorgungslücken in Sachsen-Anhalt zu schließen. Diese seien ein „zentraler Baustein“ für die wohnortnahe Gesundheitsversorgung, so die Ministerin.

Das DDR-Erbe könnte somit zu einem wichtigen Lösungsansatz für die aktuellen Herausforderungen im deutschen Gesundheitssystem werden.