Gesundheitsökonom kritisiert Schlagseite des Sparpakets
Das von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) vorgelegte Sparpaket für die Gesetzliche Krankenversicherung wird nach Einschätzung des Gesundheitsökonomen Jan-Marc Hodek vor allem die Beitragszahler belasten. Der Professor der RWU Hochschule Ravensburg-Weingarten bezeichnet die Grundidee der Reform zwar als "uneingeschränkt richtig", sieht jedoch eine deutliche Ungleichverteilung der Lasten.
20 Milliarden Euro Einsparungen mit sozialer Schieflage
"Wenn sich alle beschweren, dann scheint es alle getroffen zu haben – das hat die Ministerin also ganz gut hinbekommen", sagt Hodek mit einem Hauch Ironie. Doch er fügt kritisch hinzu: "Ich finde tatsächlich, dass einer Seite etwas zu viel abverlangt wird, und das sind die Beitragszahler." Das Sparpaket sieht Einsparungen und Einnahmesteigerungen in Höhe von 20 Milliarden Euro für das Jahr 2027 vor.
Die Zahlen belegen nach Hodeks Analyse die Schlagseite: Rund acht Milliarden Euro der geplanten Entlastung sind reine Einnahmesteigerungen, die direkt von den Versicherten getragen werden müssen. Dazu zählen:
- Die teilweise Abschaffung der beitragsfreien Mitversicherung für Ehepartner
- Erhöhte Zuzahlungen für verschreibungspflichtige Medikamente
- Die geplante Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze
- Die Senkung des Krankengeldes
Familienbelastung durch neue Beitragsregelung
Besonders betroffen sind Familien, in denen ein Ehepartner bisher beitragsfrei mitversichert war. Statt der von der Finanzkommission Gesundheit empfohlenen Pauschale von 240 Euro monatlich soll nun ein Beitrag von 3,5 Prozent des Bruttogehalts des arbeitenden Partners erhoben werden. "Diese Lösung ist sozialverträglicher", räumt Hodek ein, "weil Menschen mit geringem Einkommen weniger bezahlen."
Dennoch bedeutet dies bei einem Bruttogehalt von 3.000 Euro monatliche Kosten von 105 Euro für den nicht arbeitenden Partner. Bei 6.000 Euro brutto steigt der Betrag auf 210 Euro. Wegen dieser Staffelung werden statt der ursprünglich kalkulierten vier Milliarden Euro nur noch zwei Milliarden eingenommen.
Gutverdiener als Hauptzahler der Reform
Den größten Beitrag werden laut Hodek Doppelverdiener-Ehepaare mit gutem Einkommen leisten. "Die zahlen schon jetzt den höchsten Beitrag in der gesetzlichen Versicherung und künftig noch etwas obendrauf", erklärt der Ökonom. Dies belaste nicht nur den Faktor Arbeit, sondern auch den Wirtschaftsstandort, da auch die Arbeitgeber betroffen seien.
Medizinische Versorgung nicht gefährdet
Entgegen mancher Befürchtungen werde die medizinische Versorgung nicht schlechter, betont Hodek. "Es geht nicht um Kürzungen, sondern um weniger starke Ausgabenzuwächse", stellt er klar. Weder niedergelassene Ärzte noch Krankenhäuser würden 2027 voraussichtlich schlechter vergütet als im Vorjahr.
Allerdings sollen Sondervergütungen reduziert werden, was bereits zu Protesten von Fachärzten geführt hat, die weniger zusätzliche Sprechstunden anbieten wollen. Hodek relativiert: "Aus ökonomischer Sicht sind das Kosten, die ihre Wirkung verfehlt haben, und folglich eingespart werden müssen."
Kritik an wirkungslosen Screenings
Besonders deutlich wird der Gesundheitsökonom bei der geplanten Streichung des Hautkrebsscreenings. "In Expertenkreisen wird schon seit einiger Zeit die Sinnhaftigkeit eines solchen anlasslosen Screenings angezweifelt", erklärt Hodek. Die Maßnahme koste 240 Millionen Euro im Jahr und habe vergleichsweise wenig gebracht.
Sinnvoller wäre es nach seiner Ansicht, dieses Geld für anlassbezogene Untersuchungen einzusetzen – beispielsweise für Patienten mit bestimmten Hauttypen oder familiärer Vorbelastung. "Wer Veränderungen an einem Leberfleck oder andere Hautauffälligkeiten feststellt, sollte ohnehin schleunigst zum Hautarzt gehen", so der Experte.
Sparpotenziale jenseits des Notpflasters
Das aktuelle Sparpaket bezeichnet Hodek als "Notpflaster", um akute Finanzlöcher zu schließen. Viel wichtiger seien die für Ende des Jahres angekündigten Strukturreformen. "Im Gesundheitswesen haben wir die Besonderheit, dass Ausgaben reduziert werden können und dennoch die Versorgung besser wird", erklärt er.
Konkrete Einsparmöglichkeiten sieht der Ökonom bei:
- Reduzierung von Doppeluntersuchungen
- Entlastung der Notaufnahmen durch sinnvollere Nutzung
- Bessere Steuerung von Arztkontakten über Primärversorgungssysteme
- Mehr ambulante statt stationäre Behandlungen
- Stärkung der Prävention
Prävention als vernachlässigtes Thema
Aktuell spiele Prävention nur eine untergeordnete Rolle, bedauert Hodek. Zwar sei die theoretische Zustimmung groß, in der Praxis sei es jedoch schwieriger, weil Prävention langfristig wirke – mitunter erst nach Jahrzehnten. "Eine Wahl gewinnt ein Politiker jedenfalls damit nicht", stellt der Gesundheitsökonom nüchtern fest.
Reformdruck bleibt hoch
Trotz aller Kritik bleibt Hodek optimistisch, dass umfassende Reformen gelingen können. "Der Druck ist riesig, die Kosten sind aus dem Ruder gelaufen", betont er. Die Gesundheitsausgaben beliefen sich 2024 auf 538 Milliarden Euro – das entspricht täglichen Ausgaben von knapp 1,5 Milliarden Euro.
Abschließend formuliert der Ökonom eine klare Forderung: "Wir können es uns nicht mehr leisten, auch nur einen einzigen Euro zu verschwenden, weder für Globuli noch für wirkungslose Screenings. Das ist die Aufgabe, die vor uns liegt."



